Hinter dem Hype

Es scheint, als käme die Wirtschaft schon bald nicht mehr ohne die Blockchain aus, Zentralbanken eingeschlossen. In der Tat: Berührungsängste gibt es seitens der Institutionen nicht, es wird analysiert, geprüft, getestet. Doch bis zur „Serienreife“ ist es noch ein langer Weg und es stellt sich auch die Frage: Muss der überhaupt gegangen werden?

Das ist dann wohl das, was man unter „Mit den eigenen Waffen schlagen“ meint: Die Blockchain, dieses ebenso abstrakte wie dezentrale Datenbanknetzwerk-Konstrukt, wird – glaubt man den Tech-Auguren – ganze Wirtschaftszweige umkrempeln. Und sie wird mal eben von der Organisationseinheit erprobt, die das zentralistische Prinzip im Namen trägt: Zentralbanken entdecken die Distributed Ledger Technology, kurz DLT, für sich. Medienübergreifend wird dabei die Technologie gerne einmal als Revolution der Finanz-, wenn nicht sogar der gesamten Wirtschaftswelt hochgejazzt. Aber der Reihe nach – und vor allem: mit Vorsicht genießen! Worum geht es genau? DLT beschreibt ein verteiltes Kontenbuch, eine dezentrale Datenbank, die Teilnehmern eines Netzwerks eine gemeinsame Schreib- und Leseberechtigung erlaubt. „Grundidee ist es, Intermediäre oder eine steuernde zentrale Instanz überflüssig zu machen“, so das Financial Times Lexicon. Das Anwendungsfeld? Vielfältig: „Digitales Geld, Grundbuchämter oder Identitätsspeicherungen sind nur drei Einsatzmöglichkeiten der Blockchain“, heißt es weiter.  


Ein Kassenbuch, so gut wie fälschungssicher

Weil der Mensch gerne in einfachen Bildern denkt, hilft es, sich die Blockchain als ein Kassenbuch vorzustellen: Findet zwischen einem Absender und einem Empfänger eine Datentransaktion statt, dann wird diese in das Kassenbuch als eine neue Position eingetragen. Klassische Buchhaltung also? Nicht ganz, denn statt in einer Schublade liegt das Kassenbuch als tausendfache Kopie und weltweit auf Rechnern verteilt; wird eine neue Position in eines dieser Kassenbücher eingetragen, dann erscheint dieser Posten in allen anderen Kassenbüchern und wird von den am Netzwerk beteiligten Computern authentifiziert. Erst dann sind der Eintrag und die Transaktion gültig. Und: Weil jede Zeile für immer und unveränderlich im Kassenbuch stehen bleibt und von Hunderten Computern authentifiziert werden muss, gelten Transaktionen über eine Blockchain als so gut wie fälschungssicher.

Wenn Sue Geld von John bekommt – und alle schauen zu

Jamie Skella, Mitgründer der australischen Blockchain-basierten Abstimmungs- und Entscheidungsplattform „Horizon State“, beschreibt das Verfahren in seinem inzwischen zu einiger Berühmtheit gelangten Blogpost „A blockchain explanation your parents could understand“ so: „Das ist, als würde John seiner Nachbarin Sue Geld in die Hand drücken, während die ganze Nachbarschaft dabei zuschaut, gleichzeitig bestätigt, dass John Sue das Geld wirklich gegeben hat, und alle auch noch wissen, wie hoch der Geldbetrag ist.“ Dass dabei John und Sue anonym bleiben – es sei denn, sie möchten erkannt werden –, macht das Blockchain-Prinzip in den Augen vieler sowohl zu einer Revolution auf der technischen Infrastrukturebene als auch zu einer Evolution auf der Businessebene.

Eine großartige Technologie, die Ressourcen und Leistung verlangt

Bei allem Hype um Blockchain, Bitcoin und Businessmodelle lässt sich zunächst einmal feststellen: „DLT ist eine großartige Innovation und die ihr zugrunde liegende Idee, den Ownership einer Datenbank in einer Community zu teilen, kann durchaus überzeugen. Aber: Es erfordert auch Rechenleistung und Speicherplatz von der Community und ist zudem nicht in gleicher Weise performant wie zentrale Lösungen“, sagt Florian Gawlas, Technology Director bei G+D Currency Technology. Und: „Wenn vertrauenswürdige Dritte überhöhte Gebühren für ihre Services verlangen, dann erscheint der Betrieb eines Business auf einer öffentlichen DLT-Plattform erst einmal als die billigere Option“, so Gawlas weiter. „Die tatsächlichen Gesamtkosten für den Betrieb einer DLT-Plattform können aber auch durchaus hoch sein, so betragen die jährlichen Kosten für den Betrieb der Bitcoin-DLT-Plattform rund zwei Milliarden US-Dollar laut Bitcoin Energy Consumption Index.“


Kritische Infrastrukturen: Auch heute schon relativ ausfallsicher

Hinzu kommt der in den vergangenen Monaten immer wieder diskutierte hohe Energieverbrauch dezentralisierter Kassenbücher: Der Bitcoin Energy Consumption Index rechnet vor, dass Transaktionen und Mining 0,2 bis 0,3 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs beanspruchen. Braucht eine Zentralbank das tatsächlich?

„Dezentrale Infrastrukturen sind sicherlich keine Anforderung einer Zentralbank, verteilte Infrastrukturen hingegen schon“, sagt Florian Glaser vom Karlsruher Institute of Technology (KIT). „Verteiltheit und Redundanz erhöhen die Ausfallsicherheit. Das bezieht sich sowohl auf technische Fehlfunktionen als auch auf absichtliche Angriffe.“

Kritische Infrastrukturen seien daher auch heute schon durch Dezentralisierung und Redundanz relativ ausfallsicher, dafür benötige allerdings niemand eine Blockchain.  „Vorteile einer Blockchain liegen fast ausschließlich darin, die Zentralisierung theoretisch verringern zu können, in der Praxis neigen die Systeme jedoch dazu, doch wieder zu zentralisieren“, ergänzt Glaser. Siehe das Beispiel der auf wenige Serverstandorte konzentrierten Miningaktivitäten für Bitcoins. Die im Übrigen auch offenbaren, dass das Individuum als ermächtigter Teilnehmer hier schon lange keine Rolle mehr spielt.

In der Praxis neigen auch dezentrale Systeme dazu, doch wieder zu zentralisieren.

 

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Florian Glaser, Karlsruher Institute of Technology (KIT).

Potenzial für Kollaboration und Reduktion

Gelassenheit, eine realistische Bewertung der Potenziale und ein objektives Abwägen – der Hype um die Technologie gehört eingeordnet: Mit Daten von mehr als 200 Unternehmen, DLT-Start-ups, Zentralbanken sowie öffentlichen Einrichtungen aus 49 Ländern versucht die im Herbst 2017 vom Cambridge Centre for Alternative Finance veröffentlichte „Global Blockchain Benchmarking Study“ genau dies. Und stellt erst einmal fest: „Zentralbanken forschen zunehmend auch im Bereich der digitalen Währungen, mehr als 80 Prozent der 57 untersuchten Zentralbanken geben an, dass sie sich mit dieser Frage befassen“, so Hamish Thomas, Partner in Financial Services Advisory bei EY und Mit-Autor der Studie. Und weiter: „Mittlerweile sehen Zentralbanken durchaus Potenzial, über DLT Transaktions-, Abwicklungs- und Abstimmungskosten zu reduzieren oder ihre Infrastruktur mit kollaborativen, interoperablen Systemen und Plattformen aufzurüsten.“


Von Clearing bis Handelsfinanzierung

Mit 46 Prozent sind Zentralbanken die größte Gruppe des öffentlichen Sektors, die Daten zur „Global Blockchain Benchmarking Study“ beigesteuert hat. Mehr als die Hälfte davon hat angegeben, zu DLT-basierten Zahlungssystemen für Überweisungen oder Interbankenzahlungen zu forschen. 36 Prozent der Zentralbanken sehen Einsatzpotenzial von DLT-Technologien im Rahmen der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, 18 Prozent bei Audit Trails.

„Zentralbanken prüfen die Möglichkeiten von DLT im Clearing, bei der Abrechnung von Vermögenswerten bis hin zu spezifischen Anwendungen in der Handelsfinanzierung“, heißt es in der Studie. Darüber hinaus, so der Tenor einiger an der Untersuchung beteiligter Zentralbanken, könnten Distributed-Ledger-Technologien zur Verbesserung der Finanzmarktinfrastruktur im Allgemeinen beitragen, einschließlich der Zusammenarbeit und Interoperabilität einer Reihe von verschiedenen Akteuren, Systemen und Plattformen.

Noch keine ausreichende Harmonisierung im Markt

Das ist, um es auf den Punkt zu bringen, immer noch einigermaßen vage. Und wird es aller Voraussicht nach noch einige Zeit bleiben: „Zwar gibt es inzwischen viele Initiativen, sodass wir davon ausgehen, dass DLT weiter Fuß fasst – auch wenn der Hype um die Technologie merklich abkühlen wird“, sagt Florian Gawlas. Ob sich Leistung und Funktionalität der Technologie so weit entwickeln können, dass sie letztlich für den praktischen Einsatz in Unternehmensumgebungen oder bei Zentralbanken geeignet sein wird? „Das bleibt noch zu beweisen“, so Gawlas weiter.

Das meint auch Florian Glaser vom KIT und sieht letztlich eine klare Kosten-Nutzen-Analyse ausschlaggebend für den Einsatz der Technologie: „Bestehende Systeme laufen, sind bezahlt und integriert – wie hoch der Aufwand für die komplette Migration im Vergleich zur Kostenersparnis ausfällt, entscheidet letztlich mit, ob ein geschlossenes dezentrales System infrage käme.“ Es sei damit zu rechnen, dass es erheblichen Aufwand bedeuten würde, zum Beispiel ein T2S-Konkurrenzsystem daraus zu entwickeln. „Zum einen sind die Anforderungen noch mal höher, zum anderen ist die Praxiserfahrung bezüglich des Einsatzes solcher Systeme vergleichsweise gering“, erklärt Glaser.

Als Zentralbank sind wir vor allem an einer effizienten Technologie interessiert, die auch mit den regulatorischen Vorgaben vereinbar ist.

 

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Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

„Mit T2S und der integrierten paneuropäischen Wertpapierabwicklung haben wir einen Maßstab gesetzt, der von neuen Konzepten erst einmal erreicht werden muss“, sagt auch Carl-Ludwig Thiele, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und aktuell zuständig für die Bereiche Bargeld, Controlling, Rechnungswesen und Organisation sowie Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. Zwar werde die Distributed-Ledger-Technologie stetig weiterentwickelt, aber: „Bis jetzt sehen wir noch keine ausreichende Harmonisierung von Anwendungen im Markt“, so Thiele, „vermeintliche Vorteile der Blockchain-Technologie können voraussichtlich erst dann realisiert werden, wenn die Prozesse hinreichend standardisiert sind und Interoperabilität über verschiedene Anwendungen hinweg besteht.“


Dezentrale Infrastrukturen – ja, aber mit Regeln und Verantwortung

Was sich dann für eine Zentralbank ändern würde? Wenig bis nichts, glaubt der Bundesbankvorstand: „Das Mandat und die zugrunde liegenden Aufgaben der Zentralbank ändern sich durch den Einsatz neuer Technologien nicht. Wir sorgen unter anderem für stabiles Geld und für einen sicheren und effizienten Zahlungsverkehr.“ So nüchtern, so wenig Hype: „Es können durchaus dezentrale Infrastrukturen genutzt werden, aber mit verantwortlichen Instanzen, die sicherstellen, dass bestimmte Regeln eingehalten werden“, sagt Thiele.

Die Teilnehmer müssten sich ausweisen können, es bedarf Zulassungskriterien und verantwortlicher Instanzen, die für die Stabilität und Sicherheit des Netzwerks sorgen. Oder, um es hinter dem Hype auf den Punkt zu bringen: „Als Zentralbank sind wir vor allem an einer effizienten Technologie interessiert, die auch mit den regulatorischen Vorgaben vereinbar ist.“ Bargeld zum Beispiel, das auch bei zunehmendem Interesse an dezentralen Netzwerken seinen Stellenwert behalten wird.


Weiterführende Informationen

„Global Blockchain Benchmarking Study 2017“ der University of Cambridge

Die Studie versucht, ein umfassendes Bild einer sich rasch entwickelnden Industrie zu zeichnen, und analysiert dazu Daten von über 200 Zentralbanken, öffentlichen Institutionen oder Start-ups mit Schwerpunkt Distributed-Ledger-Technologien (engl.)

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Die Systeme für elektronische Zahlungen werden immer schneller und bequemer, ihre Nutzung steigt, dennoch gibt es praktisch keine Anzeichen für eine Abkehr vom Bargeld, wie der BIS-Quartalsbericht vom März 2018 zeigt (engl.)

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