Das Cash-Comeback

Den Online-Kauf im Einzelhandel bar bezahlen? Das Berliner Fintech Barzahlen.de erschafft eine neue Bargeld-Infrastruktur und gewinnt immer mehr Unternehmen und Nutzer. Nun expandiert die Firma in Europa.

Es war eine stille Revolution. Im Frühjahr 2013 nahmen die Stadtwerke Düsseldorf sämtliche Kassenautomaten in ihren Kundencentern außer Betrieb. Von da an konnten Kunden, die ihre Stromrechnung bar bezahlen wollen, dies in über 40 Einzelhandelsgeschäften im Stadtgebiet Düsseldorf erledigen. Die Kunden sparen sich Umwege, die Stadtwerke Geld – immerhin werden tausende ihrer Rechnungen pro Jahr mit Cash beglichen.

Das gesamte Bargeld-Handling liegt in den Händen des Berliner Start-ups Barzahlen.de. Das Fintech, bis dahin Zahlungsdienstleister für Online-Shops, wurde zum Anbieter einer umfassenden Bargeld-Infrastruktur und zielte von nun an auf Unternehmen mit Massenkundengeschäft, etwa Einzelhandelskonzerne. Diese Initiative bringt frischen Wind in den Zahlungsmarkt in Deutschland – und bald auch in Europa.

„Wir haben Barzahlen.de 2011 direkt aus dem Studium heraus gegründet“, blickt Sebastian Seifert zurück, einer der Gründer. Sie hatten beobachtet, dass viele Kunden ihren Online-Einkauf bei der Auswahl der Zahlungsart abbrechen, während gleichzeitig laut Deutscher Bundesbank 80 Prozent aller Transaktionen in Deutschland bar beglichen werden – nur online nicht. „Das hat uns keine Ruhe gelassen, deshalb haben wir uns die Digitalisierung von Bargeld zur Aufgabe gemacht“ – mit der Prämisse, deutlich günstiger zu sein als Bareinzahlungen bei Banken und Sparkassen.

Dass Bargeld nicht mehr die Nummer eins ist, werde ich wohl selbst mit meinen 26 Jahren nicht mehr erleben.

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Sebastian Seifert, Mitgründer von Barzahlen.de


Als die Methode akzeptiert war, kamen Banken ins Spiel.

Das Konzept – einfach einscannen

Die Gründer erarbeiten ein einfaches Konzept: Kunden, die online einkaufen, erhalten per E-Mail, SMS oder Post einen Zahlschein mit Barcode zugeschickt. Diesen Barcode legen sie an der Kasse im Supermarkt vor. Dort wird er gescannt, und der Kunde bezahlt mit Bargeld. Das Kassensystem benachrichtigt den Online-Shop über die Zahlung, der die bestellte Ware zum Kunden versendet.

Die Kunden? Da sind zunächst wohlhabende Internetkäufer, die Sicherheitsbedenken haben und ihre Kontodetails ungern im Netz angeben. Zudem gibt es einkommensschwache Gruppen, die Bargeld nutzen, um die Kontrolle über ihre Ausgaben zu behalten. „Taxifahrer, Kellner oder Verkäuferinnen heben oft am Anfang des Monats ihr Geld ab, um es sich besser einzuteilen“, berichtet Seifert. „Doch viele wollen online einkaufen, weil es da günstiger ist. Sie besitzen aber keine Kreditkarte und können weder mit PayPal noch per Rechnung zahlen.“

Nachdem viele Kunden und Einzelhändler die Methode angenommen hatten, kamen die Banken ins Spiel. „Warum bieten wir unsere Bargeld-Infrastruktur nicht denen an, die sie am meisten brauchen?“, folgerte Seifert. Um zu beweisen, dass dies funktionieren kann, startete Barzahlen einen Use-Case mit dem Fintech N26, einer Direktbank, die sich auf die Kontoführung per Smartphone spezialisiert hat.

Wachstum in vielen Branchen

Nach und nach erschloss sich Barzahlen neue Branchen wie den Versicherungs- und Telekommunikationssektor sowie Leistungen wie das Forderungsmanagement. Zu den Kunden zählen heute regionale und nationale Energieversorger ebenso wie mittlerweile mehr als 7.500 Internethändler. Rund 700 Unternehmen aus zehn verschiedenen Branchen nutzen es.

Ende 2015 stellte Barzahlen.de seine Lösung zum Ein- und Auszahlen von Geld auf das eigene Girokonto vor. Den Service erbringt eine Partnerbank; Kunden eines beliebigen Kreditinstituts können heute bei ihrem Einkauf Geld einzahlen oder abheben und die Öffnungszeiten des Einzelhandels nutzen. Das Retail-Netz umfasst rund 10.000 Filialen, über eine halbe Million Endkunden bezahlen Telefonrechnung, Versicherung oder Miete an den Kassen. „Die Menschen möchten einfache Bank-Services dort haben, wo sie ohnehin hingehen“, glaubt Seifert und folgert: „Deshalb wird der Einzelhandel immer mehr dieser Aufgaben übernehmen.“
Jetzt steht der Schritt ins internationale Geschäft an: Zunächst startet die Initiative in Österreich und in der Schweiz, dann liegt der Fokus auf Süd- und Osteuropa. Dass dieses Geschäft noch lange Bestand haben wird, da ist sich Seifert sicher. Zwar nimmt der digitale Zahlungsverkehr zu und der Gebrauch von Bargeld ab – aber deutlich langsamer als gedacht, sagt der Gründer. „Dass Bargeld nicht mehr die Nummer eins ist, werde ich wohl selbst mit meinen 26 Jahren nicht mehr erleben.“


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Trend-Report Digitalisierung

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