Kundschaft legt Obst an einer Supermarktkasse bei der lächelnden Kassiererin ab.
#CBDC

Der digitale Euro aus Sicht des Handels

Interview
5 Min.

Spotlight im Gespräch mit Tobias Kühner, Leiter Finance Operations bei Schwarz Corporate Solutions. Mit über 25 Jahren Erfahrung innerhalb der Schwarz Gruppe, einer führenden europäischen Handelsgruppe (Lidl, Kaufland), ist er Experte für Finanz- und Zahlungsabwicklung. Im Interview erklärt Kühner, was Händler vom digitalen Euro erwarten, wie eine erfolgreiche Einführung gelingen kann und wie wichtig eine Omnichannel-Strategie sowie die Interoperabilität mit der EUDI-Wallet sind.

Zusammenfassung

  • Echtzeit-Abwicklung wäre für den Einzelhandel ein entscheidender Wendepunkt.
  • Die Akzeptanz des digitalen Euro kann nicht durch Regulierung erzwungen werden: Es bedarf der Einbindung aller am Zahlungsprozess beteiligter Stakeholder sowie wirtschaftlicher Anreize und nahtloser Funktionalität.
  • Der digitale Euro wird gemeinsam mit Banken, Zahlungsdienstleistern und Handelsunternehmen entwickelt.
  • Ein vollständig europäischer Tech-Stack ist optimal: Er stärkt die Souveränität und sollte vollständig kompatibel mit anderen Initiativen im Euroraum wie der EUDI-Wallet sein.
  • Ein einheitliches Kundenerlebnis sowohl in Geschäften als auch im Onlinehandel ist entscheidend für den Erfolg des digitalen Euro.

Wie bewerten Sie als Handelsunternehmen die mögliche Einführung des digitalen Euro?

Als Teil der führenden europäischen Handelsgruppe mit einer starken Präsenz im stationären und digitalen Handel, insbesondere durch Lidl und Kaufland, begrüßen wir grundsätzlich die Initiative für den digitalen Euro. Wir sehen darin eine strategische Chance, den europäischen Zahlungsverkehr souveräner, widerstands- und wettbewerbsfähiger sowie unabhängiger zu gestalten.

Vor allem kann der digitale Euro die Digitalisierung in Europa entscheidend voranbringen. Wir gehen fest davon aus und hoffen sehr, dass der digitale Euro ein europaweit einheitliches Zahlungsmittel bieten wird, sowohl was die Technologie als auch die Prozesse betrifft. Eine europäische Digitalwährung kann wichtige Innovationsimpulse für den Handel setzen. Zugleich sollte der digitale Euro ein sichtbares Zeichen europäischer Souveränität sein.

Porträtaufnahme eines lächelnden Mannes in dunklem Sakko und weißem Hemd.

Zur Person:

Tobias Kühner ist Leiter Finanzoperationen bei Schwarz Corporate Solutions. Mit über 25 Jahren Erfahrung bei den Unternehmen der Schwarz Gruppe ist er ein ausgewiesener Experte in den Bereichen Finanzen und Zahlungsverkehr.

Welche konkreten Vorteile würden den digitalen Euro für Handelsunternehmen attraktiv machen?

Für die Unternehmen der Schwarz Gruppe mit hohen Transaktionsvolumina hängt die Akzeptanz eines neuen Zahlungsmittels von mehreren Faktoren ab.

  • Konsistenz, Einfachheit und Sicherheit: Die Einführung muss einfach und einheitlich in allen europäischen Ländern erfolgen. Die Möglichkeit, auch offline sicher zu bezahlen, stärkt die Resilienz der europäischen Zahlungsinfrastruktur erheblich. Ebenso wichtig sind ein nahtloses Kundenerlebnis sowie ein konsequenter Schutz von Daten und Privatsphäre.
  • Transparente und einfache Kostenstruktur: Im Vordergrund steht für uns nicht allein die Reduzierung von Gebühren. Entscheidend sind vollständige Kostentransparenz sowie eine übersichtliche und in allen Märkten einheitliche Kostenstruktur.
  • Echtzeit-Zahlung: Die unmittelbare Gutschrift der Zahlungseingänge auf unseren Händlerkonten würde unser Betriebskapitalmanagement deutlich verbessern. Es ist wichtig, dass der Abrechnungsprozess einfach und effizient ist.
  • Operative Exzellenz: Der digitale Euro soll den täglichen Geschäftsbetrieb effizienter machen und zugleich die Kundenzufriedenheit erhöhen. Ein nahtlos funktionierender, europaweit vertrauenswürdiger Zahlungsstandard kann Reibungsverluste im Bezahlprozess reduzieren, Kaufabbrüche im Onlinehandel verringern und den Kassiervorgang im stationären Handel beschleunigen.

Welche Erwartungen hat der Handel an die Integration in bestehende Kassensysteme und Onlinezahlungsverfahren?

Wer Tausende Filialen und zugleich E-Commerce-Plattformen betreibt, ist auf die Nutzung bestehender Standards angewiesen. Wir erwarten deshalb, dass sich der digitale Euro nahtlos in vorhandene Kassenterminals, Payment Gateways und Marktplatz-APIs integrieren lässt. Die Implementierungskosten müssen angemessen sein und realistisch bewertet werden. Darüber hinaus sollten Handelsunternehmen frühzeitig in die Definition der Prozesse sowie in Testphasen eingebunden werden.

Unsere Erfahrungen mit innovativen Bezahllösungen, etwa mit der mobilen Bezahlfunktion in der Lidl Plus App, zeigen, dass die eigentliche Herausforderung nicht in der Softwareentwicklung liegt. Entscheidend sind die Bereitstellung der Terminalsoftware, die Einhaltung regulatorischer Anforderungen in den verschiedenen EU-Mitgliedstaaten sowie eine möglichst geringe Latenz bei der Zahlungsabwicklung an der Kasse. Der digitale Euro sollte standardisierte Bezahlvorgänge unterstützen. Dies würde schnelle und reibungslose Transaktionen im umsatzstarken Lebensmitteleinzelhandel ermöglichen und eine breite Akzeptanz bei den Kunden fördern.

Wie wirkt sich ein einheitliches Kundenerlebnis über verschiedene Kanäle hinweg auf die Akzeptanz von Zahlungslösungen aus?

Es ist von zentraler Bedeutung. Moderner Handel funktioniert heute kanalübergreifend. Kundinnen und Kunden erwarten einen nahtlosen Übergang vom Einkauf im Onlineshop bis zur Bezahlung mit der digitalen Geldbörse an der Ladenkasse. Markenauftritt, Bedienlogik und Nutzerführung des digitalen Euro müssen deshalb in allen Umgebungen einheitlich sein. Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher für den Onlinehandel und den stationären Einkauf unterschiedliche Abläufe erlernen müssen, führt das zwangsläufig zu Verunsicherung. Die Folge wären geringe Akzeptanz und ein deutlich höherer Aufwand für den Kundensupport auf Händlerseite.

Person nutzt Smartphone und Laptop, um in einem Online-Shop zu stöbern und Produkte geräteübergreifend zu vergleichen.

Welche Bedeutung haben Funktionen wie Offlinezahlungen und Echtzeitabwicklung für das Vertrauen des Handels und die operative Resilienz?

Beide Funktionen sind für das Vertrauen des Handels unverzichtbar, erfüllen jedoch unterschiedliche Aufgaben.

Die Offlinefähigkeit ist entscheidend für die Betriebssicherheit. Fällt die Netzverbindung aus, müssen Filialen weiterhin uneingeschränkt arbeitsfähig bleiben. Ebenso wichtig wie die technische Möglichkeit ist allerdings, dass Kundinnen und Kunden den digitalen Euro tatsächlich in ihrer Wallet gespeichert haben und ihn regelmäßig nutzen. Eine breite Akzeptanz und hohe Transaktionszahlen sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Bis das in der gesamten Bevölkerung erreicht ist, wird es Zeit brauchen. Voraussetzungen dafür sind, dass der digitale Euro besonders einfach nutzbar ist und dass er kanalübergreifend funktioniert. Eine digitale Währung, die sichere und risikofreie Offlinezahlungen zwischen Endgerät und Terminal ermöglicht, sorgt dafür, dass Geschäftsprozesse auch in Ausnahmesituationen weiterlaufen, und trägt damit zur Versorgungssicherheit von Millionen Menschen bei.

Die Echtzeitabwicklung verändert das Liquiditätsmanagement grundlegend. Bei herkömmlicher Kartenzahlung kann es mehrere Tage dauern, bis die Beträge gutgeschrieben werden. Erfolgt die Wertstellung sofort, entspricht dies der unmittelbaren Verfügbarkeit von Bargeld. Davon kann die europäische Wirtschaft in vielerlei Hinsicht profitieren.

Welche Lehren sollten politische Entscheidungsträger aus früheren Innovationen im Zahlungsverkehr ziehen, wenn es um die Akzeptanz im Handel geht?

Die wichtigste Erkenntnis lautet: Akzeptanz lässt sich nicht allein durch Regulierung erreichen. Sie entsteht durch wirtschaftliche Anreize. Ein neues Zahlungsmittel wird nur dann erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten von Anfang an eingebunden werden. Dazu gehören Verbraucherinnen und Verbraucher ebenso wie Handel, Verbände, Banken und Finanzdienstleister.

Ebenso wichtig ist es, einen fragmentierten Marktstart zu vermeiden. Der digitale Euro benötigt von Anfang an eine „Interoperabilitätsgarantie“ in allen Mitgliedstaaten.

Schließlich sollten Handelsunternehmen frühzeitig in die technische Konzeption einbezogen werden. Ein System, das ausschließlich aus der Perspektive des Bankensektors entwickelt wird, kann die Anforderungen des Handelsalltags kaum angemessen berücksichtigen.

Wir sind sehr zuversichtlich, dass der digitale Euro endlich als europaweit einheitliches Zahlungsmittel dienen wird – sowohl in technologischer als auch in prozessualer Hinsicht.

Tobias Kühner
Tobias Kühner
Head of Finance Operations, Schwarz Corporate Solutions

Welchen Rat würden Sie den Verantwortlichen für die Gestaltung des digitalen Euro mit auf den Weg geben?

Der digitale Euro muss einfach, souverän und wirtschaftlich tragfähig sein. Handelsunternehmen sollten als strategische Partner verstanden werden und nicht lediglich als verpflichtende Akzeptanzstellen. Zugleich gilt es zu bedenken, dass der digitale Euro im Wettbewerb mit internationalen Zahlungssystemen steht, sowohl hinsichtlich seiner Funktionen als auch seiner Benutzerfreundlichkeit. Deshalb braucht das System eine offene, technologieunabhängige Architektur, die vollständig mit anderen europäischen Initiativen wie der EUDI Wallet kompatibel ist. Grundsätzlich sollte der digitale Euro gemeinsam mit Banken, Zahlungsdienstleistern und Handelsunternehmen entwickelt werden. Ebenso wichtig ist, dass die technischen Spezifikationen auf offenen Marktstandards basieren. Nur so können private Unternehmen auf Basis dieser Infrastruktur innovative Lösungen entwickeln. Entsteht ein vollständig europäischer Technologie-Stack, der so schnell wie Bargeld und zugleich so komfortabel und sicher wie moderne digitale Wallets ist, wird sich der digitale Euro im Handel aus eigener Kraft etablieren.

Wie wird sich die Zahlungslandschaft im Handel mit der Einführung des digitalen Euro in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Wir erwarten in den kommenden fünf bis zehn Jahren eine Konsolidierung der Zahlungslandschaft. Bargeld wird voraussichtlich weiter an Bedeutung verlieren, während digitale Echtzeitzahlungen von Konto zu Konto deutlich zunehmen werden.

Wenn der digitale Euro bis 2029 mit den richtigen Rahmenbedingungen eingeführt wird, kann er sich bis Mitte der 2030er Jahre als europaweit etabliertes und besonders vertrauenswürdiges Standardzahlungsmittel durchsetzen. Wir rechnen damit, dass klassische Kartenzahlungen Marktanteile an Smartphone Wallets verlieren werden. Der digitale Euro wird dabei neben händlereigenen Bezahlsystemen wie Lidl Pay und Instant Banking Apps bestehen. Dieser Wettbewerb dürfte dem gesamten Ökosystem zugutekommen, weil er Kosten senkt und Innovationen sowohl im Onlinehandel als auch im stationären Handel fördert.

Digitaler Euro: Stand des Projekts

Der digitale Euro nimmt weiter Gestalt an: Das Eurosystem – bestehend aus der EZB und den nationalen Zentralbanken des Euroraums – treibt die technische Arbeit voran, intensiviert die Zusammenarbeit mit dem Markt und begleitet unterstützend den Gesetzgebungsprozess. Ziel ist es, bis 2029 für eine mögliche Einführung des digitalen Euro bereit zu sein, sofern die erforderliche Verordnung bis Ende 2026 verabschiedet wird. Ein Pilotprojekt, um zu prüfen, wie der digitale Euro in der Praxis funktionieren könnte, soll in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 starten.

Der digitale Euro wird gemeinsam mit einer Vielzahl von Interessengruppen entwickelt, um sicherzustellen, dass er den Bedürfnissen der Nutzer entspricht. Das Eurosystem steht regelmäßig im Austausch mit politischen Entscheidungsträgern, Gesetzgebern, Marktteilnehmern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und der breiten Öffentlichkeit, die letztlich die Nutzer des digitalen Euro wären. Dieser Austausch findet in unterschiedlichen Kontexten statt, unter anderem im Euro Retail Payments Board, das Akteure aus dem europäischen Markt für Einzelhandelszahlungen zusammenbringt, sowie in der Rulebook Development Group, in der Fachleute aus dem öffentlichen und privaten Sektor mit Erfahrung im Finanz- und Zahlungswesen vertreten sind.

Auch die europäischen Gesetzgeber sind eingebunden. Die Europäische Kommission hat einen Rahmen für einen möglichen digitalen Euro vorgeschlagen, der sich derzeit in der sogenannten Trilog-Phase zwischen der Europäischen Kommission, dem Europäischen Parlament und dem Rat der Europäischen Union befindet. Der EZB-Rat wird erst dann darüber entscheiden, ob der digitale Euro eingeführt wird, wenn die Verordnung zu seiner Einführung verabschiedet wurde.

Veröffentlicht: 01.10.2026

Diesen Artikel teilen

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Verpassen Sie nicht die neusten Artikel von G+D SPOTLIGHT: Wenn Sie unseren Newsletter abonnieren, bleiben Sie immer auf dem Laufenden über aktuelle Trends, Ideen und technische Innovationen – jeden Monat direkt in Ihr Postfach.

Bitte geben Sie Ihre Daten an: