Hand drückt virtuellen Button „Verify“ zur sicheren digitalen Verifizierung.
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Digitale Identitäten und Nachweise

Insights
7 Min.

Die eIDAS-2.0-Verordnung der EU setzt eine klare Frist: Bis Ende 2027 müssen EUDI Wallets akzeptiert werden. Die Umsetzung ist anspruchsvoll, eröffnet frühen Integratoren aber neue Chancen und bislang unerschlossene Erlösquellen, insbesondere mit digitalen Nachweisen.

Zusammenfassung

  • Die verbindliche Frist bis Ende 2027 verpflichtet Unternehmen in mehreren europäischen Branchen dazu, EUDI Wallets zu akzeptieren
  • Digitale Nachweise können im neuen Ökosystem zu einer wichtigen Erlösquelle werden
  • Digitale Nachweise können viele Formen annehmen, von persönlichen Angaben über Abschlusszeugnisse bis zu Hotelschlüsseln

Digitale Interaktionen brauchen Vertrauen. Es ist die Grundlage einer Welt, in der sich Menschen häufig nicht persönlich begegnen. Fehlt die physische Präsenz des Gegenübers, müssen beide Seiten darauf vertrauen können, dass eine Person oder Organisation tatsächlich die ist, für die sie sich ausgibt. Ein großer Teil der heutigen Infrastruktur beruht jedoch noch immer auf Scans von Ausweisdokumenten, Mietverträgen oder Abschlusszeugnissen, auf leicht zu knackenden Passwörtern, die sich kaum jemand merken kann, oder darauf, sensible Daten wie Zahlungsinformationen bei Drittanbietern zu hinterlegen und auf deren Sicherheit zu vertrauen.

Für Nutzerinnen und Nutzer dürfte die eIDAS-2.0-Verordnung der Europäischen Union eine gute Nachricht sein. Sie verpflichtet alle Mitgliedstaaten, ihren Bürgerinnen und Bürgern bis Ende 2026 Zugang zur EU Digital Identity Wallet, kurz EUDI Wallet, zu ermöglichen. Unternehmen und Organisationen, die eine starke Kundenauthentifizierung (Strong Customer Authentication, SCA) verlangen, müssen diese Wallets bis Ende 2027 als gültigen Identitätsnachweis akzeptieren.

Dahinter steht die Idee eines neuen digitalen Ökosystems, in dem eine digitale Identität mit möglichst wenig Aufwand den Zugang zu unterschiedlichsten Diensten ermöglicht. Doch was bedeutet das konkret für die Beteiligten? Ein Blick auf die Wallet selbst zeigt, wie das Modell funktioniert.

Was steckt in der EUDI Wallet?

Die neue EUDI Wallet enthält wiederverwendbare verifizierbare Nachweise, sogenannte Verified Credentials (VC). Da sie in der digitalen Wallet der Nutzerinnen und Nutzer gespeichert werden, sind sie dezentral organisiert. Es handelt sich um digital signierte Nachweise, die von einer vertrauenswürdigen Stelle ausgestellt werden. Ähnlich wie ein physisches Dokument können sie zum Beispiel bestätigen, ob eine Person an einem bestimmten Ort gemeldet ist oder wie alt sie zum Zeitpunkt der Abfrage ist.

Die Grundlage bilden die Person Identification Data (PID), also etwa Name, Alter und Anschrift, die von einer staatlichen Stelle verifiziert werden. Darüber hinaus lassen sich zahlreiche weitere Angaben in der EUDI Wallet hinterlegen, zum Beispiel Studienstatus, Berufsbezeichnung oder Staatsangehörigkeit. Solche Datenpunkte oder Attribute müssen elektronisch bestätigt werden. Diese Electronic Attestations of Attributes (EEA) werden von autorisierten Anbietern ausgestellt und bestätigen die Richtigkeit einer konkreten Angabe. Anschließend können sie in der EUDI Wallet gespeichert und vorgelegt werden.1 Solche digitalen Nachweise eröffnen im neuen Ökosystem erhebliche Geschäftschancen. Darauf kommen wir später zurück.

Entscheidend ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer selbst bestimmen, welche Nachweise sie weitergeben. Die Kontrolle verlagert sich damit von Plattformen, die Identitätsdaten festlegen und speichern, hin zu den Menschen selbst. Sie entscheiden, wie ihre Identität dargestellt und verifiziert wird. Dazu gehört insbesondere die Entscheidung,

  • welcher Nachweis geteilt wird, zum Beispiel der Beleg der Volljährigkeit, der Staatsangehörigkeit eines EU-Mitgliedstaats oder eines Hochschulabschlusses, je nach Situation und Abfrage
  • mit wem der Nachweis geteilt wird,
  • wann der Nachweis geteilt wird

Diese dezentralen Nachweise bestätigen die Identität der Nutzerinnen und Nutzer und können etwa bei Banken, im Gesundheitswesen oder im Bildungsbereich eingesetzt werden. Dass die Verified Credentials unter ihrer Kontrolle bleiben, ist ein zentraler Baustein selbstbestimmter digitaler Identitäten, sogenannter Self-Sovereign Identities (SSI). Unternehmen und Organisationen in Bereichen mit SCA-Anforderungen müssen ihre Identitätsinfrastruktur darauf vorbereiten, künftig unterschiedlichste Nachweise zu verarbeiten. Auch Onboarding-Prozesse müssen Identitäten aus EUDI Wallets akzeptieren. Das betrifft unter anderem Banken, Krankenversicherer und sehr große Onlineplattformen (Very Large Online Platforms, VLOPs), darunter große soziale Netzwerke und Shoppingplattformen.

Besonders stark dürfte sich diese Entwicklung auf den Zahlungsverkehr auswirken. Zahlungen und digitale Identitäten wachsen zunehmend zusammen. Für Zahlungsdienstleister (Payment Service Provider, PSP) verschiebt sich der Fokus von der Frage, ob jemand zahlen kann, hin zur verlässlichen Feststellung, wer die Person ist. Ist ihre Identität bestätigt, kann die Zahlung anschließend automatisiert erfolgen.

Dabei geht es um weit mehr als ein IT-Upgrade. Es verändert grundlegend, wie Vertrauen in der digitalen Welt hergestellt und weitergegeben wird. Unternehmen sollten die Entwicklung deshalb als Chance verstehen, ihre Prozesse und insbesondere ihre Identitätsinfrastruktur neu zu denken.

Person hält Smartphone mit Login-Bildschirm für eine Digital Wallet App.

Warum die Identitätsinfrastruktur neu gedacht werden muss

eIDAS 2.0 setzt eine verbindliche Frist für die Akzeptanz von EUDI Wallets. Zugleich bleibt die Identitätsprüfung beim digitalen Onboarding für viele Nutzerinnen und Nutzer umständlich und führt häufig zu Abbrüchen. Hinzu kommt der Einfluss von KI auf die Identitätsprüfung. Frei verfügbare Software kann inzwischen auf handelsüblichen Rechnern Deepfakes erzeugen, die viele gängige Video- und Fotoident-Verfahren überwinden können.

Für Unternehmen sind solche Prüfverfahren bereits heute mit erheblichen Kosten verbunden. In preissensiblen Anwendungsfällen können sie dadurch unwirtschaftlich sein und Unternehmen den Zugang zu bestimmten Märkten erschweren.

Bestehende Verfahren beruhen häufig auf einer visuellen Prüfung. Ein verifizierbarer digitaler Nachweis lässt sich auf diese Weise nicht fälschen. Er ist entweder kryptografisch signiert und damit gültig oder nicht. Eine kryptografisch verifizierbare dezentrale Identität schafft damit neue Voraussetzungen für Unternehmen, und zwar in zwei zentralen Bereichen:

  1. Einhaltung der Anforderungen von eIDAS 2.0 und
  2. Umgang mit den neuen Herausforderungen durch KI

Ist die Infrastruktur einmal vorhanden, kann die kryptografische Prüfung dezentraler Identitäten kostengünstiger sein als Videoident-Verfahren. Dadurch werden auch preissensible Anwendungsfälle wirtschaftlich interessant. Ein Beispiel sind Gaming-Wallets für Mikrotransaktionen. Die einzelnen Umsätze sind gering, können bei einer technikaffinen Zielgruppe aber langfristig die Kundenbindung stärken. Gleichzeitig wird das digitale Onboarding einfacher.

Einfachere digitale Prozesse

Die neuen EUDI Wallets vereinfachen nicht nur Prozesse, sondern reduzieren auch die Menge an Daten, die Nutzerinnen und Nutzer preisgeben müssen. Datenschutz ist von Anfang an Teil des Konzepts. Ein zentrales Prinzip ist die selektive Offenlegung. Muss eine Person beispielsweise für die Abholung bestimmter Medikamente volljährig sein, genügt die Information „ja, über 18“. Ein Ausweisdokument mit weiteren persönlichen Angaben muss nicht vorgelegt werden. Geteilt werden nur die Daten, die für den jeweiligen Zweck tatsächlich erforderlich sind.

Auch das Ausfüllen umfangreicher Formulare könnte zunehmend entfallen. Verifizierte Daten lassen sich zum benötigten Zeitpunkt direkt aus der Wallet übermitteln. Berechtigungen können unmittelbar geprüft und Onboarding-Prozesse schneller abgeschlossen werden. Davon profitieren beide Seiten: Nutzerinnen und Nutzer erleben weniger Hürden, Anbieter verzeichnen weniger Abbrüche und damit höhere Conversion-Raten.

Digitale Nachweise als neue Geschäftschance

Zurück zu den digitalen Nachweisen, also jenen zusätzlichen Informationen, die neben den PID in der EUDI Wallet gespeichert werden können. Ein anschauliches Beispiel ist der digitale Zimmerschlüssel auf dem Smartphone. Beim Öffnen der Tür nutzt der Gast einen vom Hotel ausgestellten Nachweis, der bestätigt, dass er zum betreffenden Zimmer berechtigt ist. Nach demselben Prinzip kann eine Universität Absolventinnen und Absolventen einen digitalen Abschlussnachweis ausstellen, den sie bei Bewerbungen direkt aus ihrer Wallet vorlegen können.

Hotel und Universität machen aus vorhandenen Daten digitale Nachweise. Dasselbe ist auch mit Informationen möglich, die etwa Banken, Krankenversicherer oder Glücksspielanbieter über ihre Kundinnen und Kunden verwalten. Besteht an einem bestimmten Ort Versicherungsschutz? Ist eine Reiseversicherung enthalten? Verfügt eine Person über eine IBAN? Hat sie das erforderliche Mindestalter für Glücksspiel?

All diese Nachweise lassen sich schnell ausstellen. So können ein Banknachweis und ein digitaler Hotelschlüssel neben einem Abschlusszeugnis und einer Mitgliedskarte in derselben Wallet liegen. Zugleich eröffnen sich Möglichkeiten zur Monetarisierung, die viele Branchen heute womöglich noch gar nicht vollständig absehen. Im Reise- und Hospitality-Bereich könnte ein Anbieter beispielsweise die gesamte Customer Journey über eine Wallet abbilden, vom Flugticket über Check-in und Zimmerschlüssel bis zu Zahlung, Reise-eSIM und Bonusprogramm.

Auch Vereine, Verbände und andere Organisationen, deren Mitglieder heute physische Karten nutzen, bieten ein großes Einsatzfeld. Solche Mitgliedsnachweise können ebenfalls digital ausgestellt werden. Dieselbe Wallet könnte dann den Zugang zum Fitnessstudio ermöglichen, bei einer Panne die Mitgliedschaft im Automobilclub nachweisen oder die Tennisstunde eines Kindes buchen und bezahlen.

Eine wachsende Zahl solcher Nachweise muss für Nutzerinnen und Nutzer kein Nachteil sein. Jeder Nachweis ist portabel, wiederverwendbar und bleibt unter ihrer Kontrolle. Mit steigender Nutzerzahl wächst zugleich das Ökosystem und damit der Nutzen für alle Beteiligten.

Wie bereits erwähnt, gilt die Frist bis Ende 2027 für die Akzeptanz der EUDI Wallet auch für Branchen wie Banken und Zahlungsverkehr sowie für VLOPs. Unternehmen in diesen Bereichen werden regulatorisch zur Umsetzung verpflichtet. Damit schaffen sie zugleich eine Infrastruktur, auf der sich weitere Anwendungsfälle mit digitalen Nachweisen aufbauen lassen. Für andere Unternehmen kann es deshalb strategisch sinnvoll sein, frühzeitig zu prüfen, welche Erlösmodelle solche Nachweise im neuen Ökosystem ermöglichen.

Der Markt wird sich erst dann vollständig entwickeln, wenn die akzeptierenden Stellen die EUDI Wallet in ihre Prozesse integriert haben. Sobald das Ökosystem etabliert ist, sind Unternehmen im Vorteil, die digitale Nachweise früh verstanden und entsprechende Anwendungsfälle vorbereitet haben. Andere müssen dann möglicherweise aufholen.

Hand hält Smartphone an ein digitales Türschloss zur kontaktlosen Entriegelung.

Der passende Partner

G+D Netcetera Identity arbeitet an der Schnittstelle von Vertrauen und Compliance im Bereich digitaler Identitäten. Digitale Identitäten sind für uns kein neu erschlossenes Geschäftsfeld, sondern Kerngeschäft. Unser integriertes Lösungsportfolio verbindet Organisationen mit EUDI Wallets, ermöglicht den nutzerkontrollierten Austausch dezentraler Identitäten und unterstützt Zugriffsmanagement, Authentifizierung und Lifecycle Management. Damit adressieren wir die Lücke zwischen dem heutigen Markt und den Anforderungen, auf die die Regulierung zusteuert.

Als europäisches Unternehmen sind unsere Lösungen unabhängig von Big-Tech-Plattformen. Gerade weil EUDI Wallets darauf abzielen, Bürgerinnen und Bürgern die Kontrolle über ihre Daten zurückzugeben, ist diese Unabhängigkeit ein besonderer Vorteil.

G+D Netcetera verbindet zudem Expertise im Identitätsmanagement mit Know-how zu dezentralen Identitäten. Unsere Lösung brIDge nimmt eingehende Identitäten entgegen und verifiziert sie anhand des zugrunde liegenden Registers.

Nach erfolgreicher Verifizierung übernimmt mySSI und legt den Kunden einschließlich Kunden-ID und Zahlungsnachweisen an. Die SaaS-Lösung (Software as a Service) stellt eine eigene Statusliste bereit und verbessert die Interoperabilität im Identitätsökosystem. Dadurch entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten, insbesondere wenn das Ökosystem mit wachsender Nutzerzahl an Dynamik gewinnt. Anschließend bindet CIAM (Customer Identity and Access Management) den Kunden in ein integriertes System ein.

  1. What are the 3 types of Electronic Attestations of Attributes (EAA)?, Potential for European Digital Identity, 2025

Veröffentlicht: 22.09.2026

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