Das passende Werkzeug für die Aufgabe
Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, setzte sich bekanntlich für das „principle of least power“ – der Regel der geringsten Macht - ein. Es besagt, dass die jeweils am wenigsten mächtige, also die am wenigsten komplexe Programmiersprache oder Technologie genutzt werden sollte, die einen bestimmten Zweck erfüllt. Ziel sind Einfachheit und Interoperabilität.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf Programmierbarkeit und Finanztransaktionen übertragen. Im Kern wäre ein Smart Contract überdimensioniert, wenn ein einfacherer Ansatz denselben Zweck erfüllt. Einige Beispiele zeigen, wie das in der Praxis aussehen kann.
Bedingte Zahlungen in Einzelhandel werden häufig als Anwendungsfall für Smart Contracts genannt. In diesem Szenario zahlt ein Kunde bereits beim Kauf, die Zahlung wird aber erst an den Onlinehändler freigegeben, wenn das Paket angekommen ist.3Dasselbe Ergebnis lässt sich jedoch auch mit einer programmierbaren Zahlung erreichen.4 Ein Smart Contract ist hier nicht die beste Option, weil:
- der Smart Contract den tatsächlichen Lieferstatus nicht abfragen kann und
- der Kunde die Zahlung möglicherweise nicht schon bei der Bestellung in einem Smart Contract binden möchte, sondern erst bei Erhalt zahlen will.
Zweckgebundenes Geld, etwa Lebensmittelgutscheine oder gezielte Subventionen, ist ebenfalls ein wichtiges Feld. Einige Zentralbanken haben vorgeschlagen, dafür programmierbares Geld einzusetzen. In diesem Szenario würde das Geld selbst Bedingungen enthalten, die seine Nutzung festlegen. 5 Bestimmte Waren könnten mit dieser Währung gekauft werden, andere wären ausgeschlossen. Dieser Ansatz untergräbt jedoch einen zentralen Vorteil öffentlichen digitalen Geldes: seine bargeldähnlichen Eigenschaften, etwa die universelle Nutzbarkeit. Eine Alternative ist eine Smart Wallet. Bedingungen werden dabei nicht an das Geld geknüpft, sondern an Wallets. Wurde das Geld für einen bestimmten Zweck ausgegeben und an eine andere Wallet übertragen, kann die empfangende Person es frei für jeden Zweck nutzen. 6
Grenzüberschreitende Zahlungen, bei denen Geld in unterschiedlichen Währungen gesendet und empfangen wird, sind mit zahlreichen Ineffizienzen behaftet. Sie entstehen durch unterschiedliche Betriebszeiten, fehlende Liquidität und lange Ketten von Intermediären. Um eine sofortige Abwicklung im Devisenhandel zu ermöglichen, wurden Smart Contracts in Spiel gebracht. Dieses Ziel lässt sich jedoch ebenso durch programmierbare Zahlungen erreichen. Die Zahlung wird in zwei Teilbeträge aufgeteilt, beispielsweise in US-Dollar und britische Pfund. Beide Beträge werden zunächst als ausstehende Transaktionen erfasst. Der in GBP ausgewiesene Zahlungsanteil wird automatisch abgeschlossen, sobald die entsprechende Zahlung in USD eingegangen ist.7
Programmierbarkeit verändert die Landschaft digitaler Währungen und tokenisierter Zahlungssysteme. Zugleich wird deutlich, dass nicht jeder Anwendungsfall die volle Schlagkraft eines Smart Contracts erfordert.
„Smart Contracts sind nicht immer die Antwort. Manchmal bleibt eine einfachere Option die beste“, sagt Hupel.
Durch Anwendung des Prinzips der geringsten Macht können Lösungen passgenau gestaltet werden, ob als programmierbare Zahlungen, programmierbares Geld oder Smart Contracts. Entscheidend ist, dass sie zu den Anforderungen unterschiedlicher Szenarien passen. In Zukunft dürfte es mehrere Ansätze für Programmierbarkeit geben. Die richtige Balance wird zentral sein, um das Potenzial digitaler Währungen auszuschöpfen und zugleich Vertrauen sowie die Autonomie der Nutzer zu bewahren.