Eine Frau im orangefarbenen Kleid betrachtet schwebende, geometrische, bunte Würfel.
#CBDC

Programmierbarkeit: mehr als Smart Contracts

Insights
5 Min.

Programmierbarkeit gilt im Bereich digitaler Währungen zu Recht als Treiber für Effizienz und Innovation. Zugleich befassen sich Unternehmen und Finanzbranche zunehmend mit Smart Contracts, um Transaktionen zu automatisieren. Doch nicht jede programmierbare Transaktion muss als Smart Contract umgesetzt werden. Die unterschiedlichen Ebenen der Programmierbarkeit eröffnen Alternativen.

Zusammenfassung

  • Programmierbarkeit gibt es auf unterschiedlichen Stufen, etwa als programmierbare Zahlungen, programmierbares Geld und Smart Contracts.
  • Smart Wallets können viele Anwendungsfälle der Programmierbarkeit abdecken und dazu beitragen, dass öffentliches digitales Geld universell nutzbar bleibt, ähnlich wie Bargeld.
  • Welche Stufe der Programmierbarkeit für eine bestimmte Transaktion geeignet ist, sollte vom Kontext abhängen und dem Prinzip der „geringsten Macht“ folgen.

Kaum ein Thema im Bereich digitaler Währungen wird so intensiv diskutiert wie Programmierbarkeit. Sie gilt weithin als zentrale Eigenschaft der Tokenisierung, insbesondere bei digitalen Währungen. Sie macht Geld von einem reinen Instrument der Wertübertragung zu einem leistungsfähigen Werkzeug für Automatisierung, Effizienz und Innovation und eröffnet neue Möglichkeiten für Finanzprodukte und Services.

Mit diesem Versprechen gehen jedoch auch Bedenken einher. Programmierbarkeit ist nicht nur eine technologische Innovation. Sie berührt auch grundlegende Fragen nach Befugnis, Kontrolle und Datenschutz.

Was ist gemeint, wenn von „Programmierbarkeit“ die Rede ist? In einem Paper der Bank of Japan aus dem Jahr 2022 heißt es: „Programmierbarkeit in Zahlungs- und Abwicklungssystemen bezeichnet die Fähigkeit von Computerprogrammen, das Systemverhalten zu steuern und zu automatisieren, wenn Gelder und Wertpapiere zirkulieren.“ 1 Seitdem hat sich diese Definition weiterentwickelt.

Stufen der Programmierbarkeit

Bei der Übertragung von Werten gibt es unterschiedliche Stufen der Programmierbarkeit. Zur Einordnung:

  • Bargeld ist überhaupt nicht programmierbar.
  • Programmierbare Zahlungen beschreiben die Möglichkeit, zu automatisieren, wann, wie und unter welchen Bedingungen Zahlungen ausgeführt werden. Ein Beispiel: Eine Zahlung wird erst freigegeben, sobald die Lieferung bestätigt ist. Einige Retail-CBDC-Modelle sehen programmierbare Zahlungen vor, andere nicht.
  • Programmierbares Geld geht einen Schritt weiter, indem Logik und Regeln zur Ausführung von Zahlungen direkt in den Vermögenswert eingebettet werden. Digitales Geld kann Anweisungen enthalten, die festlegen, wie es ausgegeben, übertragen oder genutzt werden darf. So kann es etwa auf den Kauf bestimmter Waren beschränkt werden. Ein prominentes Beispiel ist Bitcoin.
  • Smart Contracts ermöglichen vollständige Programmierbarkeit auf Blockchains. Plattformen wie Ethereum und Solana sind bedeutende Beispiele, die diese Anwendungen ermöglichen.

Programmierbarkeit kann also viele Formen annehmen. Nicht jede programmierbare Lösung braucht tatsächlich einen Smart Contract.

Bevor wir fortfahren, lohnt sich ein genauerer Blick auf Smart Contracts.

Infografik „Hierarchy of Programmability“ zeigt vier blaue Stufen der Programmierbarkeit.

Die Smart-Contract-Frage

Der Kryptograf und Theoretiker Nick Szabo prägte den Begriff „Smart Contract“ 1994, als Bitcoin noch gar nicht existierte. Er definierte ihn als „computerisiertes Transaktionsprotokoll, das die Bedingungen eines Vertrags ausführt“.

Mit der Zeit ist diese Definition spezifischer geworden. Lars Hupel, Chief Evangelist bei G+D, erklärt: „Ein Smart Contract ist unveränderlicher Code, der ausgeführt wird und dessen Daten vollständig innerhalb der Blockchain gespeichert werden.“

Ein Beispiel zeigt, wie das funktioniert. Bei Ethereum ist ein Smart Contract ein eigenes Konto mit eigener Identität und eigenem Guthaben. Er ist keiner bestimmten Person zugeordnet, sondern besitzt eine eigene digitale Identität. Er kann beliebige Daten speichern, etwa bestimmte Werte oder Kontoinformationen, und auf externe Eingaben reagieren. Auf Daten außerhalb der Blockchain kann er jedoch nicht zugreifen und Eigentumsrechte besitzt er ebenfalls nicht. Zumindest bei Ethereum handelt er nicht von selbst.

Ein Smart Contract muss durch bestimmte Ereignisse oder Aktionen ausgelöst werden. „Normale“ Software läuft dagegen meist kontinuierlich oder nach einem Zeitplan und kann direkt durch Nutzer oder ein System gesteuert werden.

Der rechtliche Status von Smart Contracts wird weiterhin diskutiert.2 Einige vertreten die Auffassung, dass sie keine rechtsverbindlichen Vereinbarungen darstellen. Ihr Einsatz im europäischen Einzelhandel ist zum Beispiel dadurch eingeschränkt, dass Verträge in der jeweiligen Landessprache in verständlicher und natürlicher Sprache formuliert sein müssen.

In B2B-Kontexten gewinnen Smart Contracts jedoch an Bedeutung. Unternehmen sehen in ihnen ein Instrument der Modernisierung. Dazu tragen sie unter anderem bei, indem sie:

  • Prozesse automatisieren,
  • die Effizienz durch schlankere grenzüberschreitende Abläufe steigern und
  • Kosten senken, indem Intermediäre und manuelle Aufgaben reduziert werden.

Aber sind Smart Contracts wirklich immer nötig? Die Antwort ist nicht eindeutig. Wie so oft kommt es auf den Kontext an.

Eine lächelnde ältere Frau an der Haustür nimmt ein Paket von einem Boten entgegen.

Das passende Werkzeug für die Aufgabe

Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, setzte sich bekanntlich für das „principle of least power“ – der Regel der geringsten Macht -  ein. Es besagt, dass die jeweils am wenigsten mächtige, also die am wenigsten komplexe Programmiersprache oder Technologie genutzt werden sollte, die einen bestimmten Zweck erfüllt. Ziel sind Einfachheit und Interoperabilität.

Dieses Prinzip lässt sich auch auf Programmierbarkeit und Finanztransaktionen übertragen. Im Kern wäre ein Smart Contract überdimensioniert, wenn ein einfacherer Ansatz denselben Zweck erfüllt. Einige Beispiele zeigen, wie das in der Praxis aussehen kann.

Bedingte Zahlungen in Einzelhandel werden häufig als Anwendungsfall für Smart Contracts genannt. In diesem Szenario zahlt ein Kunde bereits beim Kauf, die Zahlung wird aber erst an den Onlinehändler freigegeben, wenn das Paket angekommen ist.3Dasselbe Ergebnis lässt sich jedoch auch mit einer programmierbaren Zahlung erreichen.4 Ein Smart Contract ist hier nicht die beste Option, weil:

  1. der Smart Contract den tatsächlichen Lieferstatus nicht abfragen kann und
  2. der Kunde die Zahlung möglicherweise nicht schon bei der Bestellung in einem Smart Contract binden möchte, sondern erst bei Erhalt zahlen will.

Zweckgebundenes Geld, etwa Lebensmittelgutscheine oder gezielte Subventionen, ist ebenfalls ein wichtiges Feld. Einige Zentralbanken haben vorgeschlagen, dafür programmierbares Geld einzusetzen. In diesem Szenario würde das Geld selbst Bedingungen enthalten, die seine Nutzung festlegen. 5 Bestimmte Waren könnten mit dieser Währung gekauft werden, andere wären ausgeschlossen. Dieser Ansatz untergräbt jedoch einen zentralen Vorteil öffentlichen digitalen Geldes: seine bargeldähnlichen Eigenschaften, etwa die universelle Nutzbarkeit. Eine Alternative ist eine Smart Wallet. Bedingungen werden dabei nicht an das Geld geknüpft, sondern an Wallets. Wurde das Geld für einen bestimmten Zweck ausgegeben und an eine andere Wallet übertragen, kann die empfangende Person es frei für jeden Zweck nutzen. 6

Grenzüberschreitende Zahlungen, bei denen Geld in unterschiedlichen Währungen gesendet und empfangen wird, sind mit zahlreichen Ineffizienzen behaftet. Sie entstehen durch unterschiedliche Betriebszeiten, fehlende Liquidität und lange Ketten von Intermediären. Um eine sofortige Abwicklung im Devisenhandel zu ermöglichen, wurden Smart Contracts in Spiel gebracht. Dieses Ziel lässt sich jedoch ebenso durch programmierbare Zahlungen erreichen. Die Zahlung wird in zwei Teilbeträge aufgeteilt, beispielsweise in US-Dollar und britische Pfund. Beide Beträge werden zunächst als ausstehende Transaktionen erfasst. Der in GBP ausgewiesene Zahlungsanteil wird automatisch abgeschlossen, sobald die entsprechende Zahlung in USD eingegangen ist.7 

Programmierbarkeit verändert die Landschaft digitaler Währungen und tokenisierter Zahlungssysteme. Zugleich wird deutlich, dass nicht jeder Anwendungsfall die volle Schlagkraft eines Smart Contracts erfordert.

„Smart Contracts sind nicht immer die Antwort. Manchmal bleibt eine einfachere Option die beste“, sagt Hupel.

Durch Anwendung des Prinzips der geringsten Macht können Lösungen passgenau gestaltet werden, ob als programmierbare Zahlungen, programmierbares Geld oder Smart Contracts. Entscheidend ist, dass sie zu den Anforderungen unterschiedlicher Szenarien passen. In Zukunft dürfte es mehrere Ansätze für Programmierbarkeit geben. Die richtige Balance wird zentral sein, um das Potenzial digitaler Währungen auszuschöpfen und zugleich Vertrauen sowie die Autonomie der Nutzer zu bewahren.

Smart Contracts sind nicht immer die Antwort. Manchmal bleibt eine einfachere Option die beste.

Lars Hupel
Chief Evangelist, G+D
  1. Realizing programmability in payment and settlement systems, Hojo and Hatogai/Bank of Japan, 2022

  2. ELI principles on Blockchain Technology: Smart contracts and consumer protection, European Law Institute, 2022/23

  3. Project Sela: an accessible and secure retail CBDC ecosystem, BIS Innovation Hub, 2023

  4. Project Meridian: innovating transactions with synchronization, BIS Innovation Hub, 2023

  5. Purpose bound money: technical whitepaper, Monetary authority of Singapore, 2023

  6. Retail CBDC conclusion report, Bank of Thailand, 2024

  7. Project Meridian FX: exploring synchronized settlement in FX, BIS Innovation Hub

Veröffentlicht: 30.06.2026

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