Mann nutzt Smartphone und Kreditkarte mit eingeblendeten digitalen Bezahlsymbolen.
#Digital Payments

Vertrauen schaffen: Der Mensch bleibt zentral

Feature
5 Min.

Orchestrierung und KI prägen den Zahlungsverkehr zunehmend. Mit Agentic Commerce wird aus dieser Entwicklung Realität. Doch welche Rolle bleibt dem Menschen? Eine entscheidende: Menschliche Kontrolle ist zentral für Vertrauen und damit für Skalierbarkeit. Sichtbare Eingriffsmöglichkeiten bei Autorisierung, Tokenisierung und Reklamationen stärken das Vertrauen und fördern die Akzeptanz unsichtbarer Zahlungen.

Zusammenfassung

  • Agentic Commerce, Embedded Checkout und weitere Entwicklungen rücken Menschen im Zahlungsverkehr zunehmend in den Hintergrund
  • Verbraucher wünschen sich dennoch sichtbare menschliche Kontrolle, weil sie Vertrauen schafft
  • Diese Kontrolle muss entlang des gesamten Zahlungsprozesses sichtbar bleiben, etwa bei Tokenisierung, Autorisierung oder Reklamationen, und darf nicht nur als zusätzliche Reibung verstanden werden

Beginnen wir mit einer Arbeitsdefinition für Agentic Commerce: „… eine neue Form des Online- und Mobile-Shoppings, bei der ein KI-Agent den Prozess abschließt oder Aufgaben für einen Nutzer übernimmt, etwa Produkte sucht, Optionen vergleicht und einen Kauf tätigt, wobei nur wenige oder gar keine manuellen Eingaben des Nutzers erforderlich sind.“1

Entscheidend ist dabei die Formulierung „wenige oder gar keine manuellen Eingaben“. Befürworter sehen darin den Schritt von mehr Effizienz hin zu echter Autonomie im Transaktionsökosystem. Kritiker verweisen dagegen unter anderem auf Grenzen der heutigen Technologien, unzureichende regulatorische Leitplanken und fehlendes Wissen im gesamten Ökosystem.

„Im Jahr 2026 kamen drei branchenweite Entwicklungen zusammen“, erklärt Ivan Vukelikj, Payment Security Expert bei G+D Netcetera. „Erstens begann Agentic Commerce, sich vom Konzept in erste reale Anwendungen zu bewegen. Mehrere Zahlungsdienstleister veröffentlichten konkrete Rahmenwerke für KI-Agenten, die im Auftrag von Nutzern Transaktionen ausführen. Zweitens verschärften europäische Vorschriften die Anforderungen an Haftung und Einwilligung und stärkten zugleich die starke Kundenauthentifizierung, kurz SCA. Dadurch rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie Einwilligung funktioniert, wenn ein Agent für eine Person handelt. Drittens stiegen die Betrugsverluste bei Echtzeit- und Account-to-Account-Zahlungen weiter an. Ursache war dabei häufig die Manipulation der zahlenden Person und nicht ein Versagen der Authentifizierung. Das zeigt ein Vertrauensproblem, das sich durch Automatisierung allein nicht lösen lässt.“

Viele Debatten über den Zahlungsverkehr drehen sich darum, Reibungsverluste zu reduzieren. Doch wo bleibt der Mensch in einer Welt, in der Zahlungen zunehmend durch Orchestrierung und KI gesteuert werden?

Anders gesagt: Verbraucher und Händler wünschen sich möglichst reibungslose Sofortzahlungen. Zugleich erwarten Banken, Zahlungsdienstleister und andere Beteiligte höchste Sicherheit. Kommt noch die Frage hinzu, wer haftet, wenn ein Agent beteiligt ist, wird die Komplexität deutlich.

Ob man dieses Spannungsfeld Vertrauensparadox nennt oder anders: Es zu lösen und Vertrauen entlang der gesamten Kette zu schaffen, ist entscheidend dafür, Agentic Commerce in großem Maßstab zu etablieren.

Eine neue Art des Handels

Ein Beispiel für eine agentenbasierte Transaktion: Sie teilen Ihrem Agenten mit, dass Sie ein Paar Schuhe in einer bestimmten Farbe, unterhalb eines bestimmten Preises und bis zu einem bestimmten Datum nach Hause geliefert haben möchten. Der Agent sucht passende Produkte, prüft die Optionen und führt den Kauf aus. Der klassische Moment, in dem der Nutzer selbst auf „Kaufen“ klickt, entfällt.

Das betrifft jeden Schritt des Bezahlvorgangs, von der Initiierung über die Autorisierung bis zur Abwicklung. Theoretisch läuft der Prozess nahezu reibungslos, zugleich entstehen neue mögliche Fehlerquellen. Ein einfaches Beispiel: Vielleicht haben Sie Ihre Meinung zu den Schuhen geändert, aber vergessen, dem Agenten Bescheid zu geben. Er bestellt sie trotzdem. „Wenn eine Belastung erfolgt, der ein Nutzer widerspricht, wer haftet dann?“, fragt Vukelikj. „Der Nutzer, der Händler, der Issuer? Oder der Anbieter des Agenten?“

Und an wen kann sich der Nutzer wenden, wenn der gesamte Prozess auf Automatisierung ausgelegt ist? Schließlich hat ein KI-Agent die Schuhe bestellt. Kann ein Bot das Problem lösen? Und wenn der Fall eskaliert werden muss, wer ist dann zuständig?

Gemeinsam an Lösungen arbeiten

Die Zahlungsbranche und das gesamte Technologieökosystem haben die Tragweite des Problems erkannt und arbeiten intensiv an Lösungen. Arbeitsgruppen in Konsortien und Verbänden wie W3C, der FIDO Alliance und EMVCo entwickeln gemeinsam Rahmenwerke, etwa für Haftungsfragen in unterschiedlichen Anwendungsszenarien von Agentic Commerce. Das Spektrum reicht von übergeordneten regulatorischen Prinzipien bis zu konkreten Prozessen für Autorisierung und Authentifizierung.

Im Fokus stehen unter anderem:

  1. Ein Haftungsrahmen, der neue Akteure wie KI-Plattformen einbeziehen kann
  2. Interoperabilität im gesamten Ökosystem mit Standards für alle Beteiligten und Anwendungsszenarien
  3. Robuste Sicherheit mit globaler Akzeptanz, damit Zahlungsdienstleister, Issuer und Händler direkt und unkompliziert miteinander kommunizieren können

„Wir sprechen über Technologien, die vor drei Jahren noch kaum öffentlich diskutiert wurden“, sagt Vukelikj. „Mit KI verschwimmen die Grenzen zwischen digitaler und menschlicher Welt zunehmend. Zahlungsprozesse entwickeln sich von menschengesteuerten Abläufen hin zu orchestrierten und agentenbasierten Prozessen. Genau hier muss Regulierung ansetzen. Alle Beteiligten im Ökosystem müssen sinnvoll eingebunden und geschützt werden. Für Endnutzer muss klar sein, dass ihre Daten sicher sind und nicht für betrügerische Zwecke missbraucht werden.“

Die erfolgreichsten unsichtbaren Zahlungssysteme verfügen über besonders klare und sinnvoll platzierte menschliche Kontrollpunkte. Unsichtbarkeit steigert den Komfort. Menschliche Kontrolle schafft Vertrauen.

Ivan Vukelikj
Payment Security Experte, G+D Netcetera

Betrug verändert sein Gesicht

Eine aktuelle Studie der Europäischen Zentralbank zeigt, dass SCA gegen die Betrugsarten, für die das Verfahren entwickelt wurde, weiterhin sehr wirksam ist, insbesondere bei Kartenzahlungen. Gleichzeitig nehmen „neue Betrugsformen zu, insbesondere die Manipulation von Beteiligten, weshalb zusätzliche und neue Gegenmaßnahmen erforderlich sind“.2 Ähnliche Entwicklungen werden aus dem Vereinigten Königreich gemeldet. Dort stiegen die Verluste durch Authorized Push Payment Fraud, kurz APP Fraud, gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent.3

Bei APP Fraud bringen Betrüger ihre Opfer dazu, freiwillig Geld auf ein von ihnen kontrolliertes Konto oder anderes Ziel zu überweisen. Das kann durch Identitätsvortäuschung, fingierte Geldanlagen oder andere Täuschungsmanöver geschehen. Gerade die Verbindung aus technischem Betrug und Social Engineering stellt alle Beteiligten vor große Herausforderungen.

Mit Agentic Commerce wird auch die Betrugserkennung komplexer. Viele Modelle stützen sich teilweise auf Muster menschlichen Verhaltens. Agenten sind jedoch keine Menschen und verhalten sich anders. Das kann dazu führen, dass völlig legitime und vom Nutzer beabsichtigte Transaktionen fälschlich abgelehnt werden. Umgekehrt könnten betrügerische Vorgänge unentdeckt bleiben.

Je stärker Zahlungsprozesse automatisiert und autonom werden, desto wichtiger bleibt deshalb die gezielte Einbindung von Menschen, etwa beim Auslösen oder Bestätigen einer Transaktion und immer dann, wenn ein Eingreifen erforderlich ist.

Hände am Laptop und Smartphone bestätigen eine sichere Online-Bestellung.

Der Mensch bleibt Teil des Zahlungsprozesses

„Die erfolgreichsten unsichtbaren Zahlungssysteme, also solche, die im Hintergrund ohne ausdrücklichen Checkout ablaufen, verfügen über besonders klare und sinnvoll platzierte menschliche Kontrollpunkte“, sagt Vukelikj. „Unsichtbarkeit steigert den Komfort. Menschliche Kontrolle schafft Vertrauen.“

In der Praxis bedeutet das, zentrale Elemente des Prozesses nicht pauschal als Reibung zu betrachten. Dazu gehören Tokenisierung und Authentifizierung ebenso wie die möglichst sichere Verwaltung von Identitätskomponenten. Sie bilden gewissermaßen die sichtbare Architektur menschlicher Kontrolle in einem ansonsten hochautomatisierten Zahlungsprozess, der innerhalb von Sekunden abgeschlossen ist.

„Hier bestätigen Nutzer ihre Entscheidungen“, erklärt Vukelikj. „Hier übertragen sie Daten und greifen ein oder fordern ein Eingreifen an, wenn ihnen etwas ungewöhnlich erscheint.“ Die Technologie entwickelt sich schnell, wie so oft. Breite Nutzung und Akzeptanz werden jedoch erst möglich, wenn Menschen ihr vertrauen.

Für die Branche, einschließlich Issuern, Acquirern und Händlern, bedeutet das, Menschen an den entscheidenden Stellen sinnvoll im Zahlungsprozess zu halten. So ließe sich die Zahl von Streitfällen und Rückabwicklungen begrenzen, wenn das agentenbasierte Ökosystem an Dynamik gewinnt.

„Es braucht Aufklärung“, sagt Vukelikj. Das gilt nicht nur für Nutzer, sondern auch für Händler und andere Akteure im Ökosystem. Technologie und Regulierung werden sich dynamisch weiterentwickeln. Umso wichtiger ist eine Architektur, die nach hohen Standards von einem vertrauenswürdigen Partner mit ausgewiesener Expertise in Zahlungs- und Identitätstechnologien entwickelt wird.

G+D Netcetera ist ein solcher Partner. Das Unternehmen stellt eine vertrauenswürdige Integrations- und Sicherheitsebene bereit, die Authentifizierung, Tokenisierung, CIAM, Scheme-Frameworks und Intent Controls zusammenführt. So werden orchestrierte und automatisierte Zahlungen möglich, während Menschen bei den zentralen Entscheidungen die Kontrolle behalten. Das stärkt das Vertrauen im gesamten Ökosystem.

„Vielleicht lässt sich das Vertrauensparadox lösen, indem wir auch einen scheinbaren Widerspruch akzeptieren“, sagt Vukelikj lächelnd. „Unsichtbare Zahlungen werden sich dann wirklich durchsetzen, wenn Menschen darauf vertrauen können, dass ihre eigene Kontrolle im Ökosystem sichtbar erhalten bleibt.“

  1. Was ist Agentic Commerce? Ein Leitfaden zum KI-gestützten Handel, Mastercard, 2026

  2. Gemeinsamer Bericht von EBA und EZB zu Zahlungsbetrug: Starke Authentifizierung bleibt wirksam, doch Betrüger passen sich an, ECB, 2025

  3. Mehr als 600 Millionen Pfund in der ersten Jahreshälfte 2025 durch Betrug erbeutet, UK Finance, 2025

Veröffentlicht: 15.09.2026

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