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Die Herausforderungen für CBDCs in der Offline-Welt

Interview
5 Mins.

Offline-CBDCs klingen wie ein Widerspruch in sich. Denn wie soll digitales Zentralbankgeld in der analogen Welt funktionieren? Für Zentralbanken ist es von großer Bedeutung, dieses Paradox zu lösen.

Im Gespräch erläutert Dr. Raoul-Thomas Herborg, Managing Director CBDC bei G+D, die Bedeutung und einige der Herausforderungen von Offline-Zahlungen mit CBDCs.

Dr. Herborg, wir leben doch im digitalen Zeitalter. Warum sprechen wir dann überhaupt über Offline-Zahlungen?

Offline-Zahlungen sollten ein fester Bestandteil eines jeden CBDC-Ökosystems sein. Und dafür gibt es meiner Meinung nach drei sehr gute Gründe.

  1. Gesetzliches Zahlungsmittel
    Wenn Händler dazu aufgefordert werden, digitales Zentralbankgeld als gesetzliches Zahlungsmittel zu akzeptieren, dann muss es ihnen so einfach wie möglich gemacht werden, es zu nutzen. Eine CBDC muss universell, barrierefrei und nutzerfreundlich sein, unabhängig von Zeit und Raum, also auch in Regionen ohne Internetverbindung.
  2. Finanzielle Inklusion
    Fast die Hälfte der Weltbevölkerung hat noch immer keinen Internetzugang. Bei vielen liegt es daran, dass sie sich einen Datenvertrag einfach nicht leisten können. Es geht also nicht nur um die Infrastruktur. Momentan können diese Menschen nur mit Bargeld bezahlen.
  3. Widerstandsfähigkeit
    Jedes System kann mal ausfallen. Wir brauchen also einen Plan B, für den hoffentlich niemals eintretenden Fall, dass die üblichen Bezahlwege nicht funktionieren. Es würde einen gewaltigen Unterschied machen, wenn Sie immer noch bezahlen können, obwohl Sie möglicherweise weder Strom noch Netz haben.    

Zahlungen mit einer digitalen Zentralbankwährung müssen also auch offline funktionieren. Aber wäre dies im Hinblick auf die Sicherheit nicht eine enorme Herausforderung?

Viele verstehen unter „Sicherheit“, dass ihr Geld vor Diebstahl geschützt ist. Für Zentralbanken umfasst Sicherheit aber auch die Frage, wie potenzielle Fälschungsrisiken ausgeschlossen werden können, denn offline gibt es kein Backend-System, mit dem Verifizierungen durchgeführt werden könnten.

Es gibt technologiebasierte Lösungen, aber ich muss gleich vorweg sagen, dass ich es bezweifle, dass sichere Offline-Zahlungen mit Standard-Smartphone-Apps möglich sein werden – insbesondere aufeinanderfolgende Offline-Zahlungen, etwas, das wir mit unserer Lösung G+D Filia® umsetzen können.

Echte Sicherheit entsteht durch die Verknüpfung von Software und Hardware innerhalb einer sicheren Umgebung, eines sogenannten secure element.

  • Dieses ermöglicht die sichere Speicherung und Verarbeitung vertraulicher Informationen und kann als Endpunkt in einem durchgängigen Sicherheitssystem verwendet werden.
  • Es beherrscht die symmetrische und die asymmetrische Verschlüsselung.
  • Sowohl die Hardware als auch die Software innerhalb des „secure element“ nutzen eine Reihe von Mechanismen, um Sicherheitsangriffe abzuwehren.
  • Die Widerstandsfähigkeit gegen mögliche Angriffsszenarien wird im Rahmen von Sicherheitszertifizierungen wie Common Criteria untersucht. 

Chipkarten, Smartphones und Smartwatches oder -armbänder sind zum Beispiel zahlungsfähige Geräte, die ein „secure element“ verwenden können.

 

Wie steht es um die Transparenz bei Offline-Zahlungen?

Anonymität ist ein wesentliches Merkmal von Bargeld. Aber ein gewisses Maß an Transparenz ist einfach notwendig, um regulatorische Vorgaben einzuhalten. Das gilt bereits für Bargeld und natürlich müssen auch Vorgaben für digitales Bargeld entwickelt werden.

In der Debatte „Transparenz versus Schutz der Privatsphäre“ muss entschieden werden, in welchem Umfang Anonymität ermöglicht werden soll. Obwohl Offline-Transaktionen nicht in Echtzeit überwacht werden können, lassen sich dennoch Regeln und Grenzen festlegen. So kann beispielsweise eine Obergrenze für CBDC-Bestände bestimmt werden. Darüber hinaus könnte die Gesamtzahl aufeinanderfolgender Offline-Transaktionen begrenzt werden. Denkbar wäre auch, umfangreiche KYC-Prüfungen festzulegen für höhere Obergrenzen und Dienstleistungen wie Personal Loss Recovery.

Worin liegen die praktischen Herausforderungen, wenn CBDCs in abgelegenen Regionen genutzt werden sollen?

Die physischen Barrieren sind eine Herausforderung wie z. B. das Onboarding der Bevölkerung sowie von Händlerinnen und Händlern. Die Bewältigung dieser Aufgabe unterscheidet sich von Land zu Land. Denn jedes Land hat sein eigenes Finanzökosystem sowie öffentliche und private Institutionen, die einbezogen werden können.  

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Zentralbanken eine Art Offline-Wallet an Verbraucherinnen und Verbraucher ausgeben, entweder direkt oder über eine Geschäftsbank, einen Telekommunikationsanbieter oder einen Electronic Money Provider. Um die digitale Zentralbankwährung möglichst weitreichend auszurollen, könnten die Vertriebskanäle auch über Finanzinstitute hinaus ausgeweitet werden, zum Beispiel auf weitere Organisationen, die in einem regulierten Umfeld tätig sind. Denken Sie an lokale Händler, Behörden oder Sozialdienstleister.

Es könnte darüber hinaus auch Anreize für Händlerinnen und Händler geben in Form von Subventionen für POS-Hardware und/oder -Software. Eine leichte Integration in bestehende Systeme ist hierbei entscheidend.

Welche Vorteile und Anwendungsmöglichkeiten bieten offlinefähige CBDCs?

Was genau das in der Praxis bedeutet, haben wir mit G+D Filia® getestet. Beispielsweise waren Offline-Zahlungen mit Smartcards ein Bestandteil unseres Pilotprojekts in Ghana: Echte Menschen konnten echte Waren des täglichen Bedarfs in ländlichen Regionen mit digitaler Währung bezahlen. Ein immenser Nutzen für die Menschen und das ist auf eine breite Akzeptanz gestoßen.

Ganz ohne Zweifel: Offline-Zahlungen haben das Potenzial, die digitale Kluft zu schließen. Kleinstunternehmer wie lokale Markthändlerinnen und -händler in ländlichen Regionen würden von Offline-Zahlungen profitieren und auch Mikrozahlungen für preisgünstige Artikel würden möglich. Dafür braucht man keine teuren Geräte und kann einfach ohne Netzwerk mit CBDC bezahlen – zumindest vorübergehend.

Das klingt fantastisch. Möchten Sie uns zum Schluss noch etwas mit auf den Weg geben?

Ja. Eines sollten wir uns bewusst machen: Vertrauen ist der allerwichtigste Aspekt einer Währung. Eine CBDC muss der gesamten Gesellschaft zugutekommen. Und Offline-Funktionalität würde entscheidend dazu beitragen.

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