Frau steht draußen mit Handy, umgeben von digitalen Visualisierungen wie Diagrammen und Apps
#Tech Innovation

Sollen Banken ins Super-App-Rennen einsteigen?

Trends
8 Min.

Der Wettlauf um die Super-App nimmt Fahrt auf. Doch sollten Banken wirklich mitrennen – oder besser abwarten, während Big Tech unter Hochdruck Zahlungsfunktionen integriert und an der einen App arbeitet, die alle anderen übertrifft?

„There’s an app for that“ (Dafür gibt’s eine App) – so lautete der Slogan von Apples Marketingkampagne im Jahr 2009 zur Einführung der dritten Generation des iPhones. Angesichts des damals neu vorgestellten App Stores hätte wohl kaum jemand vorhergesagt, wie tiefgreifend Apps den Alltag in den folgenden Jahren verändern würden. Heute gibt es tatsächlich eine App für alles – ob zur Verwaltung unserer Finanzen, zur Kalorienkontrolle oder zum Spielen mit Freundinnen und Freunden. Erst durch diese Apps können wir das volle Potenzial der Supercomputer ausschöpfen, die wir in unseren Taschen tragen. Doch da immer mehr Apps um unsere Aufmerksamkeit buhlen, wächst die Ermüdung bei den Nutzerinnen und Nutzern – ein Bericht aus dem Jahr 2024 verzeichnete einen Rückgang der weltweiten App-Installationen um 2,3 Prozent sowohl im Apple- als auch im Google Play Store1. Anstatt also für jede Funktion eine eigene App zu installieren, wächst das Interesse an einer einzigen App, die alles kann: der Super-App.

Das Konzept einer Super-App ist keineswegs neu. In den letzten zehn Jahren hat sich WeChat in China von einer einfachen Messaging-Plattform zu einem allumfassenden digitalen Ökosystem entwickelt, über das mehr als 1,3 Milliarden Nutzerinnen und Nutzer Zahlungen tätigen, Essen bestellen, Fahrdienste buchen und vieles mehr – alles innerhalb einer einzigen App. Ähnliche Modelle wie Grab in Teilen Südostasiens oder Gojek in Indonesien sind diesem Beispiel gefolgt.

Der Reiz einer „All in one“-App liegt auf der Hand: Durch die Bündelung mehrerer Dienste auf einer Plattform schaffen Super-Apps Bequemlichkeit, verringern die Reibungsverluste und erhöhen das Engagement der Nutzerinnen und Nutzer. Sie finden alles, was sie brauchen, an einem Ort, während Unternehmen mehr Kontaktpunkte schaffen und wertvolle Daten gewinnen, um die Kundenbindung zu stärken und letztlich neue Umsatzchancen zu erschließen. Wenig überraschend gewinnt das Super-App-Modell inzwischen auch im Westen an Bedeutung. Klarna hat sein Angebot über „Buy Now, Pay Later“ hinaus auf Mode- und Lifestyle-Dienste erweitert. Revolut bietet – wie andere Neobanken – mittlerweile auch Versicherungen, eSIMs und Reisegeldlösungen an. Selbst Elon Musk macht keinen Hehl aus seiner Ambition, X (ehemals Twitter) in eine „Everything App“ zu verwandeln – mit XMoney, einem Peer-to-Peer-Zahlungsdienst, der noch 2025 starten soll.

Für etablierte Banken und Zahlungsdienstleister klingt die Super-App wie eine verlockende Chance. Denn würde nicht derjenige, der sein digitales Angebot nicht ausbaut, Gefahr laufen, sich überflüssig zu machen? Ganz so einfach ist es nicht. Digitalisierung ist zweifellos notwendig, aber die Super-App ist nicht zwangsläufig das richtige Modell für Finanzinstitute. Im Gegenteil: Wer ihm blind folgt, riskiert, das Fundament des eigenen Geschäfts zu untergraben – Vertrauen.

Nicht alle Super-Apps sind gleich

Im Kern ist eine Super-App bloß eine Plattform, die verschiedene Dienste – etwa Zahlungen, E-Commerce, soziale Medien, Transport oder Unterhaltung – in einer einzigen Benutzeroberfläche integriert. Doch nicht alle Super-Apps sind gleich aufgebaut. Ein Grund für den Erfolg des Super-App-Modells in Asien ist, dass die Bankeninfrastruktur in vielen Ländern weniger entwickelt war als in westlichen Märkten. Es entstand also ein Vakuum, das digitale Anbieter leicht füllen konnten. Auch das regulatorische Umfeld ist dort oft weniger restriktiv, was Innovation und Experimentierfreude begünstigt.

Zudem sind viele Verbraucherinnen und Verbraucher kulturell eher bereit, ihre digitalen Aktivitäten zu bündeln – auch auf Kosten ihrer Privatsphäre. In anderen Weltgegenden ist die Bankenlandschaft dagegen ausgereift, was schnelle Innovation erschwert. Die Regulierung ist strenger – insbesondere in der EU, wo DSGVO und PSD2 hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit stellen. Zudem sind die Verbraucherinnen und Verbraucher sensibler im Umgang mit digitaler Privatsphäre.

Alles in allem sind Big-Tech-Unternehmen besser aufgestellt, um diese Herausforderungen zu meistern. Sie verstehen Nutzerverhalten in großem Maßstab, können Nutzererlebnisse personalisieren, in schnellem Rhythmus Neuerungen testen und weiter verbessern sowie Ressourcen einsetzen, die etablierte Banken kaum aufbringen können. Hinzu kommt die Wahrnehmung: Big Tech wird in Sachen Datenschutz bei Weitem nicht so streng beurteilt wie Banken. Trotz wiederholter Datenskandale und Sicherheitsverstöße bei Unternehmen wie Meta oder X nutzen Menschen diese Plattformen weiter – Bequemlichkeit schlägt Sicherheit, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Diese Dienste sind inzwischen so tief im Alltag verankert, dass Nutzerinnen und Nutzer solche Verstöße verzeihen. Zumindest bislang stellen etwaige Reputationsschäden keine existenzielle Bedrohung dar.

Für Banken gilt eine andere Realität: Ein einziger Datenvorfall kann das Vertrauen der Kundschaft dauerhaft zerstören. Wenn es um Ersparnisse und Existenzen geht, ist die Toleranzgrenze niedrig. Das ist sowohl eine Warnung für Big-Tech-Unternehmen, die Super-Apps entwickeln, als auch eine Lehre für Banken, die ihr digitales Wachstum planen.

Mann mit Brille schaut auf sein Handy, das eine Account-Übersicht mit Diagrammen zeigt

Was Banken riskieren, wenn sie Super-Apps einführen

Auf den ersten Blick scheint eine Super-App für Banken dennoch logisch: Mehr Services führen zu mehr Interaktion – und damit zu stärkeren Kundenbeziehungen.

Doch diese Strategie birgt erhebliche Risiken, die Banken sorgfältig abwägen sollten, bevor sie sich entscheiden:

  1. Reputationsrisiken entziehen sich ihrer Kontrolle

    Wenn eine Bank Drittanbieterdienste – etwa für E-Commerce, Reisen oder Lieferdienste – integriert, übernimmt sie indirekt Verantwortung für das Nutzererlebnis, selbst wenn sie keine operative Kontrolle hat. Ein verspätetes Paket oder schlechter Service eines Partners kann das Ansehen der Bank schädigen, weil Kundinnen und Kunden sie als Hauptverantwortliche wahrnehmen.

  2. Zunehmende regulatorische Komplexität

    Banken unterliegen den strengsten Aufsichtsregeln aller Branchen. Durch die Erweiterung um nicht finanzielle Dienste kommen neue Anforderungen hinzu – von Verbraucherschutzgesetzen bis hin zu sektorübergreifenden Datenschutzbestimmungen. Jede zusätzliche Ebene erhöht Aufwand und Risiko.

  3. Größere Angriffsflächen für Cyberattacken

    Jede Schnittstelle zu einem Drittanbieter eröffnet potenzielle Sicherheitslücken. Mehr Integrationen bedeuten mehr Angriffspunkte für Cyberkriminelle. Und während Banken stark in die Sicherheit investieren, ist das schwächste Glied in einem Super-App-Ökosystem womöglich gar nicht die Bank selbst, sondern ein weniger gut gesicherter Partner. Eine Sicherheitslücke könnte die gesamte Plattform gefährden. Auch hier steht der Ruf der Bank auf dem Spiel. Laut IBM betrugen die durchschnittlichen Kosten einer Datenschutzverletzung im Finanzsektor 2024 6,08 Millionen US-Dollar – der zweithöchste Wert aller Branchen2.

  4. Markenverwässerung und Kundenverwirrung

    Banken haben über Jahrzehnte oder Jahrhunderte Vertrauen als Hüter des Geldes aufgebaut. Wer zu weit von seinem Kerngeschäft abweicht, riskiert, als orientierungslos wahrgenommen zu werden. Kundinnen und Kunden, die ihrer Bank die Verwaltung ihres Hypothekendarlehens anvertrauen, müssen ihr nicht zwangsläufig auch bei Restaurantempfehlungen vertrauen.

„Das Super-App-Modell funktioniert für Nicht-Finanzunternehmen, weil Bequemlichkeit ihre wichtigste Währung ist“, sagt Bart Vullings, Senior Product Manager bei G+D Netcetera. „Für Banken ist es Vertrauen – und wenn man das verliert, ist es schwer, es zurückzugewinnen. Deshalb muss jede Geschäftsausweitung nicht nur am Umsatzpotenzial gemessen werden, sondern auch an den möglichen Risiken.“ 

Banken müssen sich zweifellos digital weiterentwickeln, um relevant zu bleiben – aber ohne ihr größtes Kapital, das Vertrauen, zu gefährden. Mit Big Tech auf dessen Spielfeld zu konkurrieren, ist eine verlorene Strategie. Stattdessen sollten Banken ihre Stärken ausbauen.

Das Superapp-Modell funktioniert für nicht-finanzielle Institutionen, weil Bequemlichkeit ihre wichtigste Währung ist. Für Banken hingegen ist es Vertrauen – und wenn man dieses einmal verliert, ist es schwer, es zurückzugewinnen.

Bart Vullings
Senior Product Manager, G+D Netcetera
Frau sitzt mit Handy vor Laptop, auf dem ein Authentifizierungsprozess angezeigt wird

Die klügere Alternative: multifunktionale Apps auf Vertrauensbasis

Nicht am Super-App-Wettrennen teilzunehmen, heißt nicht, dass Banken ihr digitales Potenzial ungenutzt lassen müssen. Statt eine „App für alles“ zu entwickeln, sollten sie multifunktionale Banking-Apps schaffen, die ihre Kernkompetenzen stärken: sichere, verlässliche und vertrauenswürdige Finanzdienstleistungen.

Hier sind vier Wege, wie sich Banken von Super-Apps abgrenzen und ihr digitales Angebot stärken können:

  1. Sicherheit unsichtbar machen

    Die beste Sicherheit ist die, die Nutzerinnen und Nutzer kaum bemerken. Technologien wie biometrische Authentifizierung, Passkeys und Tokenisierung beseitigen Reibungspunkte und bieten zugleich starken Schutz. Das stärkt die Rolle der Bank als sicherste digitale Umgebung.

  2. Relevante Kontaktpunkte priorisieren

    Statt beliebige Zusatzdienste anzubieten, sollten Banken auf wertsteigernde Finanzfunktionen setzen – etwa Zahlungen, Spar- und Anlagelösungen, Kredite, Versicherungen oder nachhaltige Angebote wie CO₂-Tracking und umweltfreundliche Zahlungskarten. So entsteht eine Super-App-ähnliche Erfahrung ohne Markenverwässerung.

  3. Ein eigenes Wallet-Erlebnis schaffen

    Mit der Öffnung von NFC-Funktionen auf iOS und Android können Banken eigene Tap-to-Pay-Wallets für ein breiteres Publikum anbieten. Durch die sichere Verwaltung von Zahlungsdaten und digitalen Assets behalten sie die Kontrolle über das Kundenerlebnis – unabhängig von Drittplattformen.

  4. Mit digitaler Identität führen

    Als regulierte Finanzinstitute sind Banken prädestiniert, sensible Nachweise wie digitale Identitäten, CBDCs oder andere tokenisierte Vermögenswerte zu verwalten – genau jene Daten, die Nutzerinnen und Nutzer lieber vertrauenswürdigen, regulierten Institutionen anvertrauen.

Big Tech wird beim Tempo und bei der Skalierung die Nase vorn behalten. Doch wenn es um Vertrauen und Sicherheit geht, kann keine dieser Firmen mit Banken mithalten. Das Super-App-Modell wird unser digitales Verhalten zweifellos weiter prägen – so wie die ersten Apps vor rund 20 Jahren. Aber das bedeutet nicht, dass Banken an der Spitze dieser Entwicklung stehen müssen.

Der klügere Weg besteht darin, sichere, nutzerzentrierte digitale Erlebnisse zu schaffen, die das eigene Kernversprechen stärken – und gleichzeitig den Komfort bieten, den Super-Apps den Nutzerinnen und Nutzern zusichern. Angesichts zunehmender Datenpannen und digitaler Betrugsfälle ist das der beste Weg, Reputation und Kundentreue heute und in Zukunft zu festigen. 

Key Takeaways

  • Das Super-App-Modell gewinnt an Dynamik, da Verbraucherinnen und Verbraucher Plattformen bevorzugen, die Dienstleistungen bündeln und einer App-Müdigkeit vorbeugen.
  • Es ist verlockend, diesem Trend zu folgen, aber für Banken birgt er mehr Risiken als Chancen. Die Gefahr von Reputationsverlusten, regulatorische Komplexität und Schwachstellen in der Cybersicherheit nehmen rapide zu.
  • Multifunktionale Apps bieten einen intelligenteren Weg. Durch den Fokus auf Zahlungen, Wallets und Identitätsmanagement können Banken mit aktuellen Trends Schritt halten, ohne das Vertrauen ihrer Kundinnen und Kunden aufs Spiel zu setzen.
  1. App downloads decline 2.3% in 2024, but consumer spending grows to $127B, TechCrunch, 2024

  2. Cost of a data breach 2024: Financial industry, IBM, 2024

Veröffentlicht: 20.11.2025

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