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Die Botschaft verkünden: Chief Evangelist Lars Hupel im Interview

Interview

Wie bereitet man sich darauf vor, die Stimme eines globalen Unternehmens für ein Zukunftsthema zu sein? Dr. Lars Hupel, Chief Evangelist bei G+D in München, rät: Man sollte sich ein Thema suchen, von dem man absolut überzeugt ist, und die Kernbotschaft herausarbeiten. Und – es geht nichts übers Networken. Anders formuliert: Kontakte, Kontakte, Kontakte!

Hallo, Herr Dr. Hupel, was genau macht ein Chief Evangelist eigentlich?

Bild von Lars Hupel
Dr. Lars Hupel, Chief Evangelist (CBDC) bei G+D

Meine Aufgabe ist es, Dinge zu erklären. Bei Kundenbesuchen erkläre ich zunächst, was es mit CBDC auf sich hat, erläutere dann unsere Lösung Filia® und beschreibe die Zusammenhänge. Manchmal muss ich auch erst einmal erklären, was eine digitale Brieftasche ist. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, die Botschaft an das jeweilige Publikum anzupassen. Ich überlege mir einen Aufhänger, konzipiere eine Geschichte und erzähle sie anschließend. Spreche ich mit einer Ökonomin oder einem Ökonomen in einer Zentralbank, lasse ich die Technologie vielleicht etwas außen vor und bewege mich eher auf einer höheren Ebene von Finanzthemen. Unterhalte ich mich dagegen mit Ingenieurinnen und Ingenieuren, reden wir eher über technologische Aspekte. 

Darüber hinaus arbeite ich mit Gremien zusammen, beispielsweise mit der Internationalen Organisation für Normung (International Standards Organization; ISO). Ich tausche mich auch viel mit unserem Team für geistiges Eigentum (Intellectual Property; IP) aus und wir arbeiten oft eng zusammen. Manchmal unterstütze ich bei Angeboten für Kunden, bei Ausschreibungen und anderen Dingen. Möchte ein Kunde eine CBDC implementieren, beantworte ich auch technische Fragen.Wenn man so will, bin ich gleichzeitig Botschafter von G+D für CBDC und Markenbotschafter für Filia®.

Wie erklären Sie den Begriff „CBDC“ so, dass auch Laien ihn verstehen?

Bei G+D sagen wir gerne, dass CBDC das digitale Äquivalent zu physischem Bargeld ist. Lassen Sie es mich folgendermaßen veranschaulichen: Stellen Sie sich Bargeld als Brief und CBDC als E-Mail vor. Mit einer CBDC kann man dieselben Dinge tun wie mit Bargeld, beispielsweise Ihrem Gegenüber Geld zukommen lassen, im Supermarkt bezahlen, eine Busfahrkarte kaufen, all das. Außerdem kann man damit online bezahlen.

Gibt es bei Ihrem Gegenüber manchmal überraschte Reaktionen, wenn Sie sich als Chief Evangelist vorstellen?

Anfangs war ich etwas zurückhaltend bei der Verwendung dieses Begriffs – und auch heute bekomme ich manchmal noch fragende Blicke. Schaut man in die USA, haben die meisten großen Tech-Unternehmen einen oder mehrere „Evangelists“, deren Funktion allgemein bekannt ist. Große Unternehmen müssen ihre Produkte bekannt machen und innovative Marketingmethoden anwenden. Evangelist ist dort eine bekannte und gängige Berufsbezeichnung. 

Es gibt jedoch Situationen, in denen das nicht so einfach ist. Wenn ich beispielsweise meine Visitenkarte in einem Land oder einer Region überreiche, in der die Menschen sehr gläubig sind, fragen sie mich schon mal, ob ich ein Prediger bin. (lacht) In Europa mag man darüber scherzen, aber andernorts muss man achtsamer sein – und das ist auch gut so.

Wobei Sie in gewissem Sinne ja auch eine Botschaft verkünden, nur dass es sich in diesem Fall um eine neue Technologie handelt …

Ich sehe meine Rolle eher darin, Aussagen zu machen, hinter denen ich stehen kann, die ich für objektiv und neutral halte. Ich bin unparteiisch in meinen Äußerungen und sage Dinge, die auch von einem Wettbewerber stammen könnten. Ich argumentiere immer wissenschaftlich, faktenbasiert und mit Argumenten, die ich auch beweisen kann. Darauf lege ich großen Wert.

Und wer ein echter Evangelist ist, der muss von seiner Botschaft überzeugt sein, richtig?

Ganz genau! Wenn ich zum Beispiel längere erklärende Artikel schreibe, frage ich mich immer: Kann ich das Geschriebene auch in fünf Jahren noch vertreten? Es ist wichtig, nicht nur Behauptungen aneinanderzureihen, sondern in der Sache sauber und korrekt zu arbeiten.

“Ich mache Aussagen, hinter denen ich stehen kann, die ich für objektiv und neutral halte. Ich argumentiere immer wissenschaftlich, aufgrund von Fakten und mit Argumenten, die ich beweisen kann. Darauf lege ich großen Wert.“
Dr. Lars Hupel
Chief Evangelist (CBDC) bei G+D

Wie sieht der Arbeitstag eines Chief Evangelist aus? Was sind typische Aufgaben?

Jeder Tag ist anders. Aber um ein paar konkrete Beispiele zu nennen: Vor einiger Zeit hatten wir einen Workshop mit unserem sogenannten Technology Office hier bei G+D in München. Es ging um Post-Quantum-Technologie. In diesem Workshop haben wir verschiedene Abteilungen von G+D zusammengebracht. Es wurde darüber gesprochen, was die einzelnen Abteilungen bereits in Bezug auf Post-Quantum-Kryptografie und Post-Quantum-Computing tun. 

Dieses Treffen ist ein gutes Beispiel für die Vielfalt meiner Tätigkeiten. Da ist zunächst der Austausch mit den anderen Fachbereichen von G+D. In einer so großen Gruppe kann es schon mal passieren, dass Informationen untergehen oder es zu Missverständnissen kommt. Da muss man immer am Ball bleiben.

Bei diesem Meeting ging es auch um das Thema Standardisierung. Gemeinsam mit anderen Vertreterinnen und Vertretern der G+D-Gruppe helfen wir bei der Ausarbeitung einiger Standards. Auch hier ist der Austausch wichtig. Außerdem wurde über einige unserer wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten Zeit gesprochen. Wir nehmen beispielsweise an staatlich geförderten Forschungsprojekten teil, deren Ergebnisse wir schriftlich festhalten müssen. Dazu gehört, wie bereits erwähnt, auch das geistige Eigentum. Denn neue Forschungsergebnisse müssen durch Patente geschützt werden.

Letztlich nimmt das alles natürlich viel Zeit in Anspruch – sei es, auf Ausschreibungen zu reagieren, sei es, unsere Marke bekannt zu machen.

Sie kommunizieren mit relevanten Akteurinnen und Akteuren in Ländern auf der ganzen Welt. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Offen gesagt, nicht immer gut genug, aber ich gebe mir Mühe. (lacht) Ich werde aber auch von den Kolleginnen und Kollegen, die in den Ländern tätig sind, unterstützt. Wir haben so viel Expertise und Wissen vor Ort. Wenn wir beispielsweise mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern sprechen, fragen wir auch immer, wie die Dinge im Alltag dort funktionieren. Es kann aber auch ganz einfach und direkt laufen: Letztes Jahr etwa war ich zu einer Konferenz in Hongkong. Da es beim Thema CBDC um Zahlungen geht, habe ich einfach immer, wenn ich mit Kreditkarte bezahlte, die Zeit bis zum Abschluss des Bezahlvorgangs gestoppt.

Für mich ist so etwas mittlerweile reine Routine.Wenn ich ausländische Kolleginnen und Kollegen treffe, frage ich sie immer nach ihren Zahlungsgewohnheiten. Wie sie am liebsten bezahlen, ob sie oft mobile Zahlungsmittel benutzen oder Kreditkarten. Ich vertraue dem Wissen meiner Kolleginnen und Kollegen, sowohl aus unserem Team als auch aus dem größeren G+D-Netzwerk.

Ein Mann meldet sich auf seinem Smartphone bei LinkedIn an.

Gehört das Reisen zu Ihrem Job?

Ja, ich reise ziemlich viel. Ich fahre zu Konferenzen und besuche Kunden vor Ort. Trifft man seine Kunden persönlich, lernt man sie in der Regel viel schneller kennen. Hat man dann einen persönlichen Draht, lässt sich später vieles aus der Entfernung regeln.

2020 hatten wir ein Projekt während des Lockdowns, als man nicht im Entferntesten daran denken konnte, irgendwohin zu fliegen. Wir haben uns auf Distanz kennengelernt und auch anschließend alles aus der Ferne abgewickelt. Zusätzlich bestanden noch Verständigungsschwierigkeiten, sodass wir einen Dolmetscher brauchten. Letzten Endes konnte das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden, aber es war schon eine große Herausforderung, so ganz ohne persönliches Verhältnis.

Der Erstkontakt findet in der Regel aus der Ferne statt. Aber sobald es vertiefter wird, fahren wir hin. Nur ein kleines Team, zwei oder drei Leute, vielleicht der Vertrieb. Ich selbst bin gar nicht immer dabei. Bei einem Besuch in Brasilien ist etwa ein portugiesisch sprechender Kollege mitgereist. Ist die persönliche Verbindung einmal hergestellt, ist der nächste Schritt gleich einfacher!

Ich habe aber definitiv nicht das Monopol aufs Reisen. Bei advanced52 – das ist der Bereich, in dem wir die CBDC-Aktivitäten von G+D bündeln – reisen die Kolleginnen und Kollegen aus dem Vertrieb viel mehr als ich. Sobald es um Technik geht, holen sie mich ins Boot. Ich arbeite übrigens in einem tollen, jungen und vielfältigen Team. Wir haben viel Raum und Flexibilität für Forschung und Innovation.

Erzählen Sie uns etwas über Ihren Werdegang, der Sie zu G+D geführt hat. War das so geplant oder nicht?

Ich war in einem Technologie-Beratungsunternehmen beschäftigt und hatte dort viel mit Front-End-Entwicklung zu tun, wie beispielsweise JavaScript, Websites und so weiter. Damals habe ich G+D als Ingenieur für Protokollfragen beraten, da mein akademischer Hintergrund die Mathematik ist. In meinem ersten Projekt konnte ich zu einer erheblichen Verbesserung des Kernprotokolls unserer CBDC-Lösung beitragen, indem wir es schneller und  noch zuverlässiger machten. Außerdem habe ich zusammen mit einem Kryptografieexperten von G+D das Protokoll unter dem Aspekt der Sicherheit analysiert.

Wenn meine Kolleginnen und Kollegen zu Finanz- oder Payment-konferenzen fuhren oder Kunden besuchten, habe ich sie oft über aktuelle technische Themen informiert. Ich dachte: Innovative Technologien, spannende Themen, Konferenzen an exotischen Orten – da will ich hin!

Chief Evangelist zu werden, war aber nie mein Plan. Ursprünglich wollte ich Protokolle entwerfen. Ich wollte das beste mathematische Protokoll entwickeln, das man je gesehen hat, und es sollte großartig werden. Das war mein Plan. 

Gab es etwas in Ihrer Ausbildung, das Sie auf Ihre jetzige Tätigkeit vorbereitet hat?

Ich habe meinen Doktor in Informatik gemacht, ein Fachbereich, der sehr mathematisch orientiert ist. Ich glaube, wenn man einen Mathematiker fragt, würde er das bestätigen.

Ich hatte schon immer eine Neigung zum Unterrichten. Schon als Student im zweiten Jahr habe ich Erstsemester betreut, weil ich es einfach interessant und erfüllend fand. Du erklärst den Leuten etwas und auf einmal verstehen sie es – und mit der Zeit verfeinerst du die Art, wie du die Dinge erklärst.

Als ich dann angefangen habe zu promovieren, hatte ich natürlich auch Lehrverpflichtungen. Nun ging es nicht mehr nur darum, zehn Erstsemester zu betreuen, sondern ich war für eine ganze Klasse verantwortlich. Ich habe die Übungen ausgearbeitet, versucht, die Lehrinhalte begreifbar zu machen, und vieles mehr. Ich habe einfach gemerkt, das ist etwas, was ich machen möchte – komplexe Themen vermitteln und verständlich aufbereiten.

Damals ist mir auch aufgefallen, dass ich ein Faible für Analogien habe. Im Unterricht habe ich sie immer benutzt. Jetzt verwende ich sie, wenn ich mit Ökonomen über CBDC und speziell über Filia® spreche. Sie kennen sich in ihrem Arbeitsbereich zwar sehr gut aus, beschäftigen sich aber nicht unbedingt vertieft mit der Technologie hinter digitalen Zahlungen. Darum verwende ich eine Analogie. 

Okay, können wir eine dieser Analogien hören?

Selbstverständlich! Filia® ist das, was wir einen tokenbasierten CBDC nennen. Ein Token ist ein Objekt, das einen bestimmten individuellen Wert hat. In der physischen Welt wäre das ein Geldschein. Den Geldschein mit seinem eindeutigen Wert hat man in der Brieftasche; man kann damit bezahlen, indem man ihn jemandem gibt. In der digitalen Welt entspricht der Geldschein einem digitalen Token, der mit einigen Schlüsseln und technischen Daten versehen ist. Man bezahlt, indem man diese Daten von A nach B überträgt.

Ich glaube, dass ich dadurch, dass ich mit mehreren Hundert Studenten gearbeitet und ihnen die Konzepte der Informatik erklärt habe, gut darauf vorbereitet bin, die CBDC-Konzepte einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen.

Welche Tipps haben Sie für junge Leute, die sich für einen Job wie den Ihren in einem globalen Security-Tech-Unternehmen wie G+D interessieren?

Meiner Meinung nach muss man sich eine Technologie oder ein Thema suchen, an das man wirklich glaubt. Wenn jemand nur über etwas redet, weil er dafür bezahlt wird, merken das die Leute. Ich bin davon überzeugt, dass CBDC die Zukunft ist und G+D dafür gut aufgestellt ist. Das Thema liegt mir wirklich sehr und ganz besonders am Herzen. Ich muss voll und ganz hinter meiner Arbeit stehen, sonst kann ich diese Zuversicht dem Kunden oder dem Publikum nicht vermitteln.

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen kurze und regelmäßige Beiträge viel mehr schätzen als lange und unregelmäßige. Finden Sie Ihre Kernbotschaft und halten Sie sie kurz. Natürlich können Sie bei Bedarf mehr Kontext hinzufügen, aber kurz und bündig ist gut.

Und schließlich: Vernetzen Sie sich. Auch wenn es schwerfällt, knüpfen Sie Kontakte, Kontakte, Kontakte. Für mich war das ein hartes Stück Arbeit, weil ich früher viel introvertierter war. Aber mit Introvertiertheit kommt man in dieser Position nicht weiter. Mein Tipp: Wer auf einer Bühne spricht, etwas schreibt und online stellt, wer Inhalte für die sozialen Medien produziert und postet, der wird von anderen angesprochen. Man muss diesen ersten Schritt dann also gar nicht zwangsläufig selbst machen!

Key Takeaways

  1. Man muss von dem, was man tut, überzeugt sein, denn das spüren die Leute.
  2. Als introvertierter Mensch sollte man Online-Inhalte produzieren. Dann kommen die Leute von selbst auf einen zu.
  3. Bei jeder Interaktion sollte man aktiv nachfragen, besonders bei der Erschließung neuer Märkte.

Veröffentlicht: 13.05.2024

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