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20 Jahre Euro: ein ambitioniertes Debüt

Feature
5 Mins.

Die Bereitstellung einer Währung als öffentliches Gut, als „Public Good“, ist eine der vornehmsten staatlichen Leistungen. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Euro würdigt Wolfram Seidemann, CEO G+D Currency Technology, in einem Buchbeitrag für die Deutsche Bundesbank den Euro als weltweites Währungsvorbild und Meisterwerk der Banknotentechnologie. Hier ein Auszug.

Portrait von Dr. Seidemann
Wolfram Seidemann, CEO G+D Currency Technology

Als es 1999 losging, hatten wir es währungspolitisch mit Neuland zu tun, auch wenn mit der Europäischen Währungsunion EWS und dem Euro-Buchgeld ECU bereits wichtige Fundamente gelegt worden waren. Aber auch die praktischen Dimensionen des Projekts übertrafen bei weitem alles, was europäische Zentralbanken und deren Zulieferer bis dato auf die Beine gestellt hatten. Während das Münzgeld vom 1-Euro-Cent bis zur 2-Euro-Münze ausschließlich in den staatlichen Prägeanstalten hergestellt werden sollte, war für die Banknoten ein Produktionsmix aus staatlichen Zentralbank-Druckereien und qualifizierten privaten Industriepartnern vorgesehen.

Der war auch notwendig, schließlich galt es, eine enorme Menge neuer Geldscheine in vergleichsweise kurzer Zeit nach gemeinsamen Qualitätsstandards herzustellen. Diese schiere Größe der Produktionsvorgaben in einem engen Zeitfenster sollte sich später als die größte Herausforderung herausstellen.

Der Euro als Vorreiter im Logistikverbund

In der Zeit vor dem Euro schrieben Zentralbanken die Produktionschargen für ihre Banknoten noch nach ihren Vorgaben aus, die dann von eigenen Druckereien oder einer sehr begrenzten Zahl spezialisierter Partner gedruckt wurden. Jetzt aber waren sehr viel mehr Spieler nötig, um gemeinsam die notwendigen Geldmengen in entsprechender Quantität und Qualität zu produzieren. Die Zahl der Partner war dementsprechend hoch: Zusätzlich zu den diversen staatlichen Druckereien waren über fünfzig Lieferanten in das Projekt eingebunden, die nach einheitlichen Regeln die neue Gemeinschaftswährung in Form bringen sollten. Die verschiedenen, bislang landesspezifischen Prozesse und Vorgaben mussten folglich synchronisiert und nach neuen Standards ausgerichtet werden.  

In dieser für sie neuen Rolle entwickelte die EZB eine Kooperations-, Koordinations- und Führungskompetenz, ohne die das Projekt nicht erfolgreich hätte umgesetzt werden können. Sie sorgte unter anderem für die Definition der Spezifikationen, die Steuerung der komplexen Prozesse in der Zusammenarbeit und der Aufgabenverteilung sowie den Aufbau eines ausgefeilten Qualitätswesens von A wie Auditierungen bis Z wie Zertifizierungen.

Der Euro als Vorreiter bei der Banknotentechnologie

Landkarte von Europa mit Euroscheinen im Hintergrund

Aus der Sicht eines Industriepartners konnten wir bei der praktischen Umsetzung des Euro-Projekts auf die jahrzehntelange Erfahrung und Expertise in der Entwicklung und Produktion sicherer Banknoten bauen. Für die erste Generation des Euro (ES1) war die Herstellung von 14,9 Milliarden Banknoten im Gesamtnennwert von rund 633 Milliarden Euro vorgesehen, für die die Deutsche Bundesbank und damit wir als Bundesbank-Partner den größten Anteil übernehmen sollten.

Parallel zu der Erfüllung der quantitativen Richtmarke war zudem die Umsetzung der hohen qualitativen Ansprüche zu leisten, die von vornherein klar und eindeutig vorgegeben waren: Die neuen Euro-Scheine sollten technologisch »State of the Art« sein, also den letzten Stand innovativer Banknotentechnologie praktisch zu Papier bringen.

Für den Euro jedoch durfte nach Maßgabe der EZB jede der beteiligten Zentralbanken das für sie wichtigste Sicherheitsfeature einbringen. Dadurch entstand ein »Best of Breed«-Paket, das die fortschrittlichsten Banknotentechnologien in sich vereinte.

So kamen beispielsweise für das neue Papier besonders dünne Sicherheitsfäden mit nur 1,2 Millimeter Breite zum Einsatz. Erstmals genutzt wurden auch eine Sicherheitsfarbe mit Farbwechsel (Optical Variable Ink) und Folienelemente, wie es sie bis dato in Währungen noch nicht gegeben hatte. Dazu kamen unter anderem neue Pigmente, Siebdruckelemente und Markierungsstoffe. Nicht zuletzt trug man dem hohen Anspruch der Deutschen Bundesbank an maschinenlesbare Sicherheitsmerkmale Rechnung. Das Resultat waren Banknoten, die höchste Haltbarkeits-, Sicherheits- und Effizienzstandards erfüllten.

Der Euro und die Fälschungssicherheit

In der permanenten Hase-Igel-Konstellation gegen Fälscher wurden die Hürden damit extrem hochgelegt. Alle Sicherheitsmerkmale sind generell gesehen für eine Sicherheitsarchitektur auf drei Ebenen ausgelegt.

Die offensichtlichen Charakteristika (Level 1) wie beispielsweise Wasserzeichen, Sicherheitsstreifen oder Durchsichtfenster sind für jedermann haptisch und optisch sofort erkennbar und einfach nachzuprüfen. Zu der nächsthöheren Stufe (Level 2) zählen Merkmale wie magnetische Pigmente, fluoreszierende Farben oder elektrische Leitfähigkeit. Und dann gibt es noch eine weitere Reihe von Sicherheitselementen, deren Spezifikationen, Merkmale und Identifizierungsmöglichkeiten den Zentralbanken in einer Geheimhaltungsstufe (Level 3) vorbehalten sind.

Die technologische Zukunft des Euro

Da Banknoten immer höhere Anforderungen zu erfüllen haben und Fälscher stets neue technische Möglichkeiten finden, müssen ständig Anpassungen vorgenommen und gleichzeitig schwer zu imitierende Effekte und Designs entwickelt werden, um die Fälschungssicherheit zu erhöhen.

Für Level 1 ist das beispielsweise die Cleartext-Technologie. Dabei werden vorab aufgetragene Schichten stellenweise wieder entfernt. Dadurch zeigen sich in der Durchsicht klar und deutlich zusätzliche Informationen wie zum Beispiel Texte, die diesem Sicherheits-Feature den Namen geben. Die Barrieren für Fälscher werden zusätzlich durch neuartige Beschichtungen erhöht.

Generell ist die Kombination von Hightech-Sicherheitsmerkmalen aus den beiden unterschiedlichen Produktionsstufen Papierherstellung und Banknotendruck der Königsweg zum Schutz vor Fälschungen und zur Eindeutigkeit bei der Erkennung.

Der Euro als nachhaltiges Zahlungsmittel

Neben den Haltbarkeits- und Sicherheitsaspekten rücken bei der Produktion von Banknoten Fragen der Nachhaltigkeit verstärkt in den Vordergrund. Nimmt man für ein bargeldspezifisches CO2-Protokoll die gesamte Produktions- und Distributionskette in den Blick, so entfallen grob 20 Prozent auf die Herstellung und 80 Prozent auf die Verteilung.

Für die Herstellung bedeutet das in erster Linie die Nutzung umweltschonender Substrat-Lösungen. Nachhaltige natürliche Baumwolle ist dabei allen anderen Alternativen überlegen. Die für die Banknotenherstellung verwendeten Baumwollkämmlinge fallen als Ausschussprodukt in der Textilindustrie sowieso an, sind also, wenn man so will, ein Recyclingprodukt ohne Recyclingaufwand.

“Um die Erfolgsgeschichte des Euro weiterzuschreiben, um ihn allen Bürgern für digitales Bezahlen zugänglich zu machen, fehlt nur noch das Pendant zum Bargeld in digitaler Form: eine digitale Zentralbankwährung, praktisch als ,Digitales Public Good‘. Es wird die gleichen Merkmale und Vorzüge haben, aber in digitaler Form Wirtschaft, Handel und Gesellschaft auf dem weiteren Weg in die Digitalisierung begleiten – als die einzig sichere, legitime, souveräne und für alle frei zugängliche Alternative und Ergänzung zum Bargeld“
Wolfram Seidemann
CEO G+D Currency Technology

Bargeld ist Freiheit und Inklusion

Auch wenn Bargeld noch so oft, laut und gerne für obsolet erklärt werden mag, so geht diese beliebte Übung doch meilenweit an der Realität und der elementaren Bedeutung dieses universellen Zahlungsmittels für Gesellschaften jeder Entwicklungsstufe vorbei.

Die Wachstumsraten der Bargeldmenge liegen in der Eurozone nach Angaben der EZB bei durchschnittlich 8 Prozent bis 10 Prozent – pro Jahr! Bargeld ist die einzige Form von Zentralbankgeld, die wir alle unmittelbar und unabhängig vom Herausgeber nutzen können. Es ermöglicht jeder Bürgerin und jedem Bürger ungeachtet des sozialen Status den Zugang zum Zahlungsverkehr, unabhängig vom Besitz eines Kontos oder eines Onlinezugangs zu digitalen Netzen.

Um die Erfolgsgeschichte des Euro weiterzuschreiben, um ihn allen Bürgern für digitales Bezahlen zugänglich zu machen, fehlt nur noch das Pendant zum Bargeld in digitaler Form: eine digitale Zentralbankwährung, praktisch als »Digitales Public Good«. Es wird die gleichen Merkmale und Vorzüge haben, aber in digitaler Form Wirtschaft, Handel und Gesellschaft auf dem weiteren Weg in die Digitalisierung begleiten – als die einzig sichere, legitime, souveräne und für alle frei zugängliche Alternative und Ergänzung zum Bargeld.
 

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